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Benzingespräch in der Konditorei#

Auf dem Weg zum Haflinger-Jubiläum#

von Martin Krusche

Manchmal entsprechen die Bedingungen eines Tages auf kuriose Art den Inhalten, mit denen man befaßt ist. Um mit der Eisenbahn aus der steirischen Provinz nach Wien zu kommen, braucht es seine Zeit. April 2018. Ich war vier Stunden unterwegs, um in einer Konditorei am Wiener Hauptbahnhof einzutreffen. Dort absolvierten wir zu viert eine kleine Konferenz. Es ging darum, uns über ein spannendes Vorhaben zu verständigen. Dann war ich vier Stunden auf dem Rückweg und knapp vor Mitternacht wieder zuhause. Reichlich Zeit, alles zu übedenken.

Diese historische Fotografie zeigt Altmeister Fredi Thaler am Steuer, neben ihm der Konstrukteur Erich Ledwinka, in dessen Verantwortung der Haflinger entstand – (Foto: Archiv Thaler)
Diese historische Fotografie zeigt Altmeister Fredi Thaler am Steuer, neben ihm der Konstrukteur Erich Ledwinka, in dessen Verantwortung der Haflinger entstand – (Foto: Archiv Thaler)

Das hat etwas von gelebter Mobilitätsgeschichte. Mit dem Auto wäre es schneller gegangen. Die Reise verhielt sich ansatzweise so, wie ein Ochsengespann zum Pferdewagen. Es geht hier nämlich um Historie. Um die des Steyr-Puch Haflinger, bei dem 2019 das 60 Jahr-Jubiläum ansteht. Dieser Wagen kam als völlig eigenständige Konstruktion rund ein Jahr nach dem legendären Puch-Schammerl, dem Steyr-Puch 500, im Herbst 1959 auf den Markt.

Kann jemand ein effizienteres Allrad-Fahrzeug vorweisen, das auf so kurzem Radstand und mit derart geringem materiellen Aufwand über eine geniale Konstruktion eine solche Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten einlöst? Ich bin in dieser Frage an anderen Stellen noch nicht fündig geworden. Daher halte ich ihn für den kleinsten Lastwagen der Welt. Der Hafi hat in mehrerlei Hinsicht eine sehr exponierte Position in der jüngeren Automobilgeschichte.

Das kompakte Nutzfahrzeug mit der Basisbezeichnung 700 AP ist als eine Allrad-Plattform konzipiert, deren Motor seine Kraft aus sparsamen 700 ccm schöpft. Das hatten wir nun in der Konditorei am Bahnhof zu bereden: Was nehmen wir uns für dieses kommende Jubiläum vor?

Der Konstrukteur und vormaliger Werksdirektor Egon Rudolf beim Fest zu seinem 90. Geburtstag. Die Gratulantin ist übrigens Annemarie Tantscher, Ehefrau von Motorsportler Franz Tantscher, welcher der Werksmechaniker von Moto Cross-Weltmeister Harry Everts gewesen ist – (Foto: Martin Krusche)
Der Konstrukteur und vormaliger Werksdirektor Egon Rudolf beim Fest zu seinem 90. Geburtstag. Die Gratulantin ist übrigens Annemarie Tantscher, Ehefrau von Motorsportler Franz Tantscher, welcher der Werksmechaniker von Moto Cross-Weltmeister Harry Everts gewesen ist – (Foto: Martin Krusche)

Dabei saß mit einerseits Rene Wachtel gegenüber, Boss der Austrian Car Collection, dank derer die Fans seit den letzten Jahren in einem beachtlichen Angebot von Automodellen wählen können, die österreichische Automobilgeschichte in den Maßstäben 1:87 und 1:43 darstellen.

Dazu gehörten andrerseits Martin Ortner und Franz Straka von der Railway Media Group, die sich bisher vor allem mit Eisenbahnliteratur profiliert hat. So zeichnet sich ab, daß jetzt etwas entstehen will, was möglicherweise ein Buch und ein Modellauto kombiniert.

Am Sonntag vor dieser Reise hatte ich noch Konstantin Kiesling besucht, der sich mit dem Thema Haflinger befaßt, seit seine Beine vom Sitz zum Gaspedal hinunterreichen. Wir verständigten uns über dieses Projekt, das in meine Richtung von Altmeister Fredi Thaler angestoßen worden war. Ihn hatten Kiesling und ich im Februar davor besucht, um einige Haflinger-Fragen zu erörtern.

Das heißt, wir sind mit jenen Männern in Verbindung, die damals an all dem gearbeitet haben, worüber wir heute berichten. Dazu paßt auch der jüngst zelebrierte 90. Geburtstag von Egon Rudolf, Konstrukteur und vormals Werksdirektor in Thondorf. Er hat all diese Entwicklungen miterlebt und einen Teil davon verantwortet.

Das hat in Summe einen viel weitreichenderen Zusammenhang. Fredi Thaler und Manfred Haslinger, der mit ihm heute an diversen Projekten arbeitet, entstammen einer Ära der Zweiten Industriellen Revolution. Als sich innerhalb ihrer Berufslaufbahn dann die dritte ereignete, die Digitale Revolution, berührte das nur zum Teil ihre Arbeit.

Rene Wachtel (l.) und Martin Ortner – (Foto: M. Krusche)
Rene Wachtel (l.) und Martin Ortner – (Foto: M. Krusche)
Franz Straka – (Foto: M. Krusche)
Franz Straka – (Foto: M. Krusche)
Constantin Kiesling – (Foto: M. Krusche)
Constantin Kiesling – (Foto: M. Krusche)

In all dem blieben sie immer noch Männer mit den Kompetenzen des alten Handwerks, auch mit dem Ethos früherer Arbeitswelten. Genau das befindet sich aber gerade in einem fundamentalen Umbruch, denn die Vierte Industrielle Revolution ist längst angebrochen. Sie handelt von einer nächsten Automatisierungswelle, in der ganz neue Maschinensysteme zum Einsatz kommen, die uns zwingen, das Verhältnis der Menschen zu Maschinen grundlegend zu überdenken. Siehe dazu: "Industrielle Revolutionen" (Ein kleiner Überblick)!

Manfred Haslinger – (Foto: M. Krusche)
Manfred Haslinger – (Foto: M. Krusche)
Fredi Thaler (links) neben Konstrukteur Harald Sitter – (Foto: M. Krusche)
Fredi Thaler (links) neben Konstrukteur Harald Sitter – (Foto: M. Krusche)
Martin Krusche – (Foto: Manfred Haslinger)
Martin Krusche – (Foto: Manfred Haslinger)

Das bedeutet, hier beginnt eben ein Projekt konkret zu werden, in dem drei Generationen interessierter Menschen ein Thema bearbeiten, das im Hintergrund von drei Industriellen Revolutionen handelt. Anlaß und Angelpunkt dazu ist der Steyr-Puch 700 AP, genannt Haflinger.

Das berührt meine heurige Version von Mythos Puch, die fünfte, wo ich mit Kooperationspartnern das Thema „Der Geist des Transports“ umsetze. Das verweist auf 2019, das Jubiläumsjahr des Hafi. Das stellt auch den Fokus auf ein bisher eher wenig beachtetes Thema: Volkskultur in der technischen Welt.

Die Ethnologie betrachtet und begleitet diesen speziellen Zweig kulturellen Lebens seit den 1960er Jahren mit einschlägigen Untersuchungen, Debatten und Publikationen. Daraus mag man schließen, daß die hochkarätige Schrauber- und Sammlerszene Österreichs eben auch einen bemerkenswerten Teil heimischer Kulturarbeit ausmacht. Das will an manchen Stellen noch nicht zur Kenntnis genommen werden. Wir werden diesen Umstand greifbarer machen.

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