Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Die vermeintliche Freiheit von Crowdsourcing#

Alternative Arbeitsformen wie Crowdsourcing und Clickworking versprechen hohe Flexibilität. Mit der viel gerühmten Freiheit ist es aber oft weit her.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 20. September 2019

Von

Rosa Eder-Kornfeld


Sie heißen Crowd Guru, Nebenjobnetz, Appjobber oder Jovoto. Sie bieten flexibles Arbeiten über das Internet auf selbstständiger Basis an. Das können kleinere Aufgaben sein, die kurzfristig und in wenigen Minuten erledigt werden können, wie etwa Produktbeschreibungen für Online-Shops, das Übersetzen oder Korrekturlesen kurzer Texte. Großes Geld kann man mit diesen Mikrojobs, bei denen keine besonderen fachlichen Vorkenntnisse gefragt sind, nicht machen. Auf Crowdsourcingplattformen werden aber auch größere Aufträge ausgeschrieben, die eine höhere Qualifikation erfordern, zum Beispiel Softwarenentwicklung.

Über digitale Plattformen vermittelte Kurzzeitjobs werden den sogenannten "alternativen Arbeitsformen" zugerechnet. Darunter fallen auch die Klassiker Leiharbeit und Werkvertrag, also Beschäftigungsverhältnisse abseits von Fixanstellungen.

Unternehmensberatung Deloitte Österreich hat für eine Studie rund 200 Unternehmensvertreter zum Einsatz alternativer Arbeitsformen befragt. Das Ergebnis: Nur 47 Prozent haben bereits damit gearbeitet, der Großteil von ihnen in Form von Kooperationen, dem Einsatz von Leiharbeitskräften oder Werkvertragsnehmern. Crowdsourcing und Gig Work sind noch weitgehend unbekannt. "Das ist in einem Land mit traditioneller Unternehmenskultur wie Österreich wenig überraschend", sagt Elisa Aichinger, Director bei Deloitte Österreich. "Bemerkenswert ist jedoch, dass 83 Prozent der Befragten damit rechnen, dass die Relevanz alternativer Arbeitsformen in Zukunft weiter steigen wird."

Antwort auf viele Trends in der Arbeitswelt#

Das sei die Antwort auf viele Trends in der Arbeitswelt. So werde es Unternehmen durch die Digitalisierung möglich, auf kollektive Kompetenzen zuzugreifen, die sie im Betrieb nicht haben. Das Arbeiten von Auftrag zu Auftrag über Plattformen komme einer Generation entgegen, die weniger von Geld motiviert sei als von einer ausgeglichenen Work-Life-Balance. "Die Millennials, vor allem die gut qualifizierten, suchen nicht so sehr das klassische Angestelltenverhältnis, sondern wollen sich einen hohen Grad an Autonomie und Flexibilität bewahren", so Aichinger.

Etwas differenzierter sieht es Annika Schönauer von der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt Forba. "Es ist für beide Seiten immer eine Frage der Machtbeziehungen und der Abhängigkeit", betont sie. "Es macht einen großen Unterschied, ob ich ein begehrter Experte in einem Fachgebiet bin, der von einem Unternehmen wegen meiner einzigartigen Expertise hinzugezogen wird, oder eine austauschbare Flexibilitätsressource", sagt sie.

Die Wege seien ganz unterschiedlich. In kreativen Berufen wie etwa im Grafikdesign seien viele junge Leute nach einigen Jahren oft so desillusioniert und ausgebrannt, dass sie in die Selbstständigkeit gehen, "um wieder selbst steuern zu können, was sie machen, kreativ zu sein." Anders verhalte es sich beispielsweise bei der Übersetzerin, die nirgends eine Anstellung finde und gezwungen sei, ihre Dienste selbständig anzubieten.

Man müsse jedenfalls "ganz genau hinschauen, ob die viel gerühmte Freiheit auch gelebt werden kann", betont Schönauer. Die Anforderungen der ständigen Erreichbarkeit und oft überlanger Arbeitszeiten unter hohem Konkurrenzdruck könnten hauptsächlich junge, kinderlose Männer erfüllen, die sich in einer Lebensphase befinden, wo der Fokus auf dem Erwerbsleben liege. "Für immer können sie sich das aber nicht vorstellen", weiß Schönauer aus Gesprächen. Auch alternative und neue Arbeitsformen müssten sich irgendwie lohnen: In Form von Geld, Sicherheit, Wertschätzung, sozialer Anerkennung. Sei dies nicht der Fall, so könnten alternative und neue Arbeitsformen auch "toxisch" werden und mitunter zu Burn-Out führen.

Auch wenn das Auslagern abgrenzbarer Tätigkeiten an Einzelpersonen für Unternehmen den Zugang zu dringend benötigten qualifizierten Arbeitskräften bedeute, sei es enorm aufwendig, die benötigten internen Strukturen und Schnittstellen dafür zu schaffen. Und es berge auch hohe Risiken, sagt Annika Schönauer: "Wenn die Person ausfällt, ist der Auftrag quasi gegessen."

Gemäß Deloitte-Studie sehen Unternehmen, die bereits mit alternativen Arbeitsmodellen arbeiten, den drohenden Wissens- und Kompetenzverlust (53 Prozent) sowie die erschwerte Zusammenarbeit im Team (51 Prozent) als bedeutendste Risiken. Weniger Planungssicherheit (74 Prozent) ist für jene ohne Erfahrung mit alternativen Arbeitsformen das größte Risiko. Ein verstärkter Einsatz von alternativen Arbeitsformen könne sich für die heimischen Unternehmen durchaus lohnen, so Elisa Aichinger. Durch den Zugang zu neuen Kompetenzen, mehr Flexibilität und Agilität sowie höhere Innovationskraft.

Crowdsourcing #

Unter Crowdsourcing versteht man das Auslagern von Aufgaben oder Projekten aus vorwiegend großen Unternehmen an unbekannte externe Akteure, die "crowd". Ermöglicht wird diese Form der Arbeitsteilung durch das Internet, mit dem viele User erreicht werden können. Die Unternehmen ersparen sich Recruiting, Training und Lohnnebenkosten. Die Auftragnehmer bezeichnet man als Crowdworker oder auch Clickworker, wobei letztere meist nur nebenbei kleine Aufträge ("Mikrojobs") erledigen. Dazu ist nicht einmal ein Schreibtisch nötig: Eine Internetverbindung, Smartphone oder Tablet reichen. IT-Spezialisten, Programmierer oder Berater hingegen können auf Internet-Marktplätzen ihre Dienste auch zu lukrativen Tagessätzen anbieten. Crowdworker werden auch oft als Gig-Worker bezeichnet, analog zu Musikern, die ihren Lebensunterhalt von einem bezahlten Auftritt (Gig) zum nächsten bestreiten. Uber-Fahrer, Handwerker oder Putzkräfte zählen auch dazu.

Wiener Zeitung, 20. September 2019