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Leben auf 2,4 Gigahertz#

Viele Apps basieren auf dem Funkstandard Bluetooth. Was aber ist das genau? Und wie sicher ist die Technik?#


Von der Wiener Zeitung (6. Juni 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Adrian Lobe


Schluss mit dem Kabelgewirr: Moderne Kopfhörer sind ohne Bluetooth kaum noch vorstellbar.
Schluss mit dem Kabelgewirr: Moderne Kopfhörer sind ohne Bluetooth kaum noch vorstellbar.
Foto: Unsplash

Unser Leben spielt sich auf einer Frequenz von 2,4 Gigahertz ab. Egal, ob das elektrische Garagentor, WLAN-Steckdosen oder der Router – zahlreiche Geräte im Haushalt funken auf 2,4 GHz. Auch die Bluetooth-gestützten Corona-Apps, die bereits in zahlreichen Ländern funken, laufen über das Frequenzband. Man kann es sich wie einen kleinen Leuchtturm vorstellen, der in die Umgebung abstrahlt.

Die Nahfunktechnik, mit der nun die Epidemie bekämpft werden soll, ist schon ein paar Jahre alt. Mitte der 1990er tüftelten der niederländische Elektrotechniker Jaap Haartsen und sein Kollege, der schwedische Ingenieur Sven Mattisson, in den Ericsson-Entwicklerlaboren an einer Nahfunktechnik, die Handys mit anderen elektronischen Geräten auf einer Distanz von drei bis vier Metern verbinden sollte. Das Ziel: eine kostengünstige und energiearme Alternative zu Kabeln.

Ingenieure führen ja schon immer einen zähen Kampf gegen das Kabelgewirr, und den beiden Entwicklern sollte dabei ein entscheidender Schritt gelingen: Haartsen, so beschrieb er seine Innovation einmal in einem erstaunlich unprätentiösen Aufsatz im Fachmagazin „Nature“ („How we made Bluetooth“), ahnte früh, dass die Frequenz von 2,4 Gigahertz der Schlüssel für eine schnelle Datenübertragung sein könnte.

Das Problem: Weil das Frequenzband öffentlich und lizenzfrei ist und jeder auf der Welt darin funken kann, können sich die Signale stören. Um die Störanfälligkeit zu reduzieren, setzte Haartsen daher auf eine spezielle Codierung, das sogenannte Frequenzsprungverfahren, bei dem Datenpakete zerlegt und auf verschiedenen Frequenzbereichen verschickt werden. Der Vorteil gegenüber Infrarot besteht darin, dass bei der Funkübertragung keine Sichtverbindung zwischen den Hardwarekomponenten mehr notwendig ist. Man muss also nicht wie bei einer Fernbedienung auf das TV-Gerät zielen, um das Programm zu wechseln, sondern kann auch mit dem Rücken zu einem anderen Endgerät stehen. Branchenkenner waren sich schnell einig, dass Bluetooth zum neuen Standard der Nahbereichskommunikation werden würde. 1998 schlossen sich Ericsson, IBM, Intel, Nokia und Toshiba zu einer Interessengemeinschaft zusammen, die die Technik vereinheitlichte.

Erbe von Ericsson#

Im Jahr 2000 brachte Ericsson das erste Bluetooth-fähige Handy auf den Markt. Mittlerweile gibt es auf der Welt über fünf Milliarden Bluetooth-Geräte. Die Nahfunktechnik ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sei es, um den Kopfhörer mit dem Computer zu koppeln, Musikdateien zwischen Smartphones zu übertragen oder Fitness-Uhren auszulesen. Inzwischen gibt es zahlreiche Versionen des Funkstandards. Die aktuellste, Bluetooth 5.0, kommt auf eine Reichweite von 200 Metern und Übertragungsgeschwindigkeit von zwei MBit pro Sekunde. Eine weitere Technologie zur drahtlosen Datenübertragung ist der Nahfunkstandard NFC (Near Field Communication), der mit zehn Zentimetern allerdings eine viel geringere Reichweite besitzt. Er kommt vor allem beim kontaktlosen Bezahlen oder Online-Marketing zum Einsatz, etwa wenn es darum geht, Push-Nachrichten auf Handys zu schicken.

In den USA haben zahlreiche Geschäfte, vor allem in Shopping-Malls, Beacons installiert, Minisender, die die Kunden via Bluetooth orten und Coupons aufs Handy schicken. Auf dem Smartphone installierte Apps suchen nach solchen Beacons in der Umgebung und tauschen Daten aus. Das System weiß also nicht nur, dass ein Kunde gerade die Ladenfläche betreten hat, sondern auch, dass er fünf Minuten vor dem Chips-Regal gestanden ist.

Datenschützer sind alarmiert. Die Electronic Frontier Foundation (EFF) hat in einem ausführlichen Bericht davor gewarnt, dass sensible Standortdaten an Drittparteien verkauft werden könnten. Unternehmen könnten detaillierte Käuferprofile erstellen.

Nicht nur Unternehmen, auch Parteien nutzen die Technik. So haben die Republikaner im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 auf Kundgebungen Beacons auf Schildern platziert, um Handy-Daten von Besuchern abzugreifen und Push-Nachrichten zu verschicken.

Unbekannte Verfolger#

Neben dem Datenschutz gibt es auch Zweifel an der Datensicherheit. Wissenschafter der Boston University (BU) haben im vergangenen Jahr Schwachstellen im Kommunikationsprotokoll von Bluetooth entdeckt, die es einem Angreifer erlauben, unerkannt Geräte zu verfolgen. Das Einfallstor für solche Attacken sind öffentliche und unverschlüsselte Anzeigenkanäle, die ihre Präsenz anderen Geräten signalisieren.

Wiener Zeitung, 6. Juni 2020