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Der telepathische Ehrgeiz des Netzwerks #

Glaubt man Facebook, werden seine Nutzer bald auch direkt mit der Kraft der Gedanken kommunizieren. Doch wer auf die Tastatur verzichten will, müsste sein Gehirn an Maschinen anschließen. Wie realistisch sind Szenarien solcher Hirn-Computer-Schnittstellen?#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 4. Mai 2017)

Von

Martin Tauss


Social Network Symbolbild
Foto: Shutterstock

Eine gelähmte Frau sitzt vor einem Computer-Monitor. Sie kann die Maschine nicht bedienen. Doch in ihr Gehirn wurden bohnengroße Elektroden implantiert, die mit dem Computer verbunden sind. Damit soll sie sich auch ohne tippende Finger mitteilen können. Die Buchstaben des Alphabets laufen über den Monitor. Wenn ein Buchstabe kommt, den die Patientin auswählen möchte, hat sie gelernt, geistig darauf zu reagieren. Damit verändern sich die Gehirnströme auf charakteristische Weise. Der Computer erkennt dieses Muster in der Nervenzellaktivität und lässt den gewählten Buchstaben am Display aufleuchten. Wieder laufen die Buchstaben durch, bis ein ganzes Wort entsteht. Und aus den Worten schließlich ein ganzer Satz.

Simultane Übersetzung #

Eine aktuelle Studie an der Stanford- Universität hat gezeigt, dass eine gelähmte Patientin so acht Worte pro Minute in den Computer schreiben konnte. Für den US Konzern Facebook bietet die medizinische Forschung zu solchen Hirn-Computer-Schnittstellen bereits Anlass genug, um über Anwendungen auch bei gesunden Personen nachzudenken. Demnach könnten die Facebook-Nutzer „in einigen Jahren“ direkt aus dem Gehirn heraus in den Computer schreiben: Mit dieser Meldung ließ Facebook-Managerin Regina Dugan unlängst auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz F8 im kalifornischen San José aufhorchen. Geht das weltgrößte Online- Netzwerk also davon aus, dass sich seine User bald Elektroden ins Gehirn einpflanzen lassen, nur um nicht mehr tippen zu müssen?

Für einen „massenhaften Einsatz der Technologie“ seien Implantate nicht geeignet, heißt es von Seiten der Firma hellsichtig. Vielmehr müssten „sehr empfindliche Sensoren“ auf der Oberfläche des Kopfes angebracht sein, welche die Gehirnaktivität „hunderttausende Male pro Sekunde auf den Millimeter genau“ überwachen, so Dugan. So sollte es bald möglich sein, hundert Worte pro Minute in den Computer zu bringen. Und anstatt im Kopf die Worte aus einzelnen Buchstaben zu bilden, reicht künftig vielleicht der Gedanke an einen Gegenstand – womit sich Menschen auch gleich in anderen Sprachen ausdrücken könnten, ohne diese vorher gelernt zu haben. Der Gedanke an eine Tasse zum Beispiel könnte direkt mit dem entsprechenden Fremdwort in Spanisch oder Chinesisch gekoppelt werden.

Der Traum vom Gedankenlesen #

„In unserem Kopf ist eine Tasse nicht ein Etikett mit dem Wort darauf, sondern ein Gegenstand, den man in der Hand halten kann“, verkündete die Facebook-Managerin. „Eines nicht so fernen Tages könnte es sein, dass ich auf Chinesisch denke und Sie es sofort auf Spanisch fühlen.“ Mit einem Team von 60 Forschern arbeite der Social-Media-Konzern bereits an einer Schnittstellen-Technologie zum menschlichen Gehirn. Doch nicht nur Facebook verfolgt diese Vision: Tesla-Chef und Technologievisionär Elon Musk, der zur Zeit auf Autopiloten und auf Mars- Siedlungen setzt, ist auch an einer Forschungsfi rma beteiligt, die unser Denkorgan direkt mit Computern vernetzen will. Aber wie realistisch ist ein solches Unterfangen? Seit der Neurologe Hans Berger in den 1920er Jahren das Prinzip der Elektroenzephalographie (EEG) entdeckt hat, lassen sich die elektrisch vermittelten Nervenimpulse im Gehirn über Elektroden ableiten. Mittels neuer Technologien können die elektrischen Felder heute spezifischer untersucht werden als im letzten Jahrhundert. Die darin enthaltene Information kann somit besser ausgelesen werden – sei es nun der Impuls, sich zu bewegen oder ein bestimmtes Objekt vor dem inneren Auge wachzurufen. „Doch der Aufwand, mit der eigenen Hirnwellenaktivität einen Computer zu steuern, ist noch enorm,“, sagt Hirnforscher Jürgen Sandkühler im Gespräch mit der FURCHE. Bislang sei kein Erfolg eines solchen Systems für kommerzielle Anwendungen bei Gesunden absehbar, so der Direktor des Zentrums für Hirnforschung an der MedUni Wien.

Jürgen Sandkühler
Jürgen Sandkühler leitet das Zentrum für Hirnforschung an der Med-Uni Wien. 2016 erhielt der den Erwin Schrödinger-Preis der Öst. Akademie der Wissenschaften (mit Ortrun M. Scheid).
Foto: © MedUni Wien/Matern

Laut Facebook sollen die Gedankenimpulse der Menschen nicht wahllos gelesen werden: Nur die ausformulierten Gedanken, die auch an das Sprachzentrum weitergeleitet würden, seien gemeint. Ähnlich wie man viele Fotos mache und nur einige davon anderen zeige, haben Menschen „viele Gedanken und beschließen, nur einige davon zu teilen“, betonte Facebook-Managerin Regina Dugan. Das freilich hält Hirnforscher Sandkühler für einen „absoluten Marketing-Gag“. Für den direkten Blick in den menschlichen Geist sei das Gehirn noch viel zu wenig verstanden: „Wir sind weit davon entfernt, auch nur in die Nähe dessen zu kommen, was Facebook großzügigerweise verspricht, nicht zu tun.“

Die Komplexität des Gehirns sei bedingt durch eine nahezu „unendlich große Zahl an Nervenzellen“ und die „nochmals größere Zahl“ an Verbindungen zwischen den Nervenzellen. „Selbst mit den größten verfügbaren Rechenkapazitäten kann man so etwas wie Geist, freier Wille, Religiosität und andere genuin menschliche Eigenschaften wissenschaftlich nicht erfassen“, bemerkt Sandkühler. „Und es ist nicht abzusehen, ob das jemals zu erfassen sein wird.“ Kurzum: Die Gefahr, dass man uns wirklich beim Denken zusieht, sei vorerst nicht gegeben.

Dystopische Szenarien #

Der Ausblick darauf zählt wohl auch zu den Fantasien machtberauschter Diktatoren. Man ist geneigt, an dystopische Szenarien totalitärer Staaten zu denken, wo jede oppositionelle Regung durch Hirn-Computer-Schnittstellen denkbar frühzeitig registriert wird. Oder an Werbeabteilungen, die latente Wünsche ihrer Zielgruppen telepathisch zu erfassen imstande sind. Doch wie bei allen Technologie-Entwicklungen sei eine sorgsame Nutzen-Risiko- Abwägung wichtig, so Sandkühler: Allein in der Tatsache, dass Gehirnwellen bei freiwilliger Nutzung eventuell immer präziser auslesbar sind, sieht er noch keine moralische oder politische Gefahr.

„Viele Gedanken werden wieder verworfen und gar nicht in Handlungen umgesetzt“, bemerkt der Hirnforscher. Übrigens sei das Gedankenlesen im digitalen Zeitalter ohnehin schon an der Tagesordnung: „Unser Verhalten im Internet ist sogar noch aussagekräftiger als unsere Gedanken. Denn es handelt sich bereits um die gefilterte Version dessen, was wir gedacht und gewünscht haben.“

DIE FURCHE, Donnerstag, 30. März 2017

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