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"Fake News stehen an der Spitze einer größeren Entwicklung"#

Fake News, Soziale Netzwerke, Parteizeitungen und Filterblasen – in diesem Spannungsfeld liefern Medien tagtäglich Informationen. Die KommunikationswissenschafterInnen Hajo Boomgaarden und Sophie Lecheler erklären im uni:view Interview zur Semesterfrage, welche Auswirkungen das auf die Demokratie hat.#

Hajo Boomgaarden und Sophie Lecheler
KommunikationswissenschafterInnen Hajo Boomgaarden und Sophie Lecheler über die Rolle von Fake News und Filterblasen.
Foto: Universität Wien

uniview: Welche Rolle spielen Medien in einer Demokratie?

Sophie Lecheler: Medien sind zentral. In ihnen lernen BürgerInnen fast alles, was sie über Politik wissen. Zwar spielen auch die Familie und das soziale Umfeld eine Rolle, aber Medien sind die Nummer 1, wenn es darum geht, Wissen über Wahlen, PolitikerInnen und Parteien zu vermitteln.

Hajo Boomgaarden: Da gibt es eine wichtige Unterscheidung: Bei sogenannten "editorial media" entscheiden JournalistInnen, was in welcher Form veröffentlicht wird und welche Quellen genutzt werden. Diese eher traditionellen Medien versuchen Politikvermittlung aus einer journalistischen Haltung heraus zu machen. Im Gegensatz dazu gibt es Medienangebote mit weniger journalistischen Hintergründen und damit auch weniger Qualität und weniger Balance.

uniview: Zählen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, die keine eigenen Inhalte produzieren, auch zu den Medien?

Lecheler: Es wäre falsch, zu denken, dass soziale Netzwerke keine eigenen Inhalte produzieren. Bei Facebook gibt es eine starke Entwicklung in Richtung Contentproduktion durch Algorithmen. Dass diese Inhalte nicht durch JournalistInnen produziert werden, ist eine andere Frage. Außerdem gibt es User-generated content. In diesem Sinne sind soziale Netzwerke nicht nur Kanäle, sondern auch Akteure. Viele Informationen kommen aus den digitalen Medien, obwohl sie nicht als journalistische Medien kommuniziert werden können. Das ist eine Entwicklung, die auch zum Hype um Fake News geführt hat. Der beruht nämlich auf der Frage, woher die Qualität kommt und wer sie produziert. Brauchen wir die klassische Journalistin bzw. den Journalisten oder kann Qualität auch woanders herkommen?

uniview: Das ist eine gute Frage: Brauchen wir klassischen Journalismus für Qualität?

Boomgaarden: Dadurch, dass jeder Inhalte produzieren und diese ungefiltert veröffentlichen kann, bekommen wir eine enorme Vielfalt an Meinungsbildung. Das ist aus demokratietheoretischer Perspektive gut. Wir wissen aber gerade an den Rändern der Vielfalt nicht mehr genau, ob das eine Information ist, auf die wir uns verlassen können, ob sie gecheckt wurde oder wie einseitig die Information ist. Dass es diese Probleme an den Rändern gibt, wissen aber nicht alle RezipientInnen, die diese Information bekommen. Hier spielt der klassische Journalismus eine Rolle, bei dem ich davon ausgehen kann, dass es eine journalistische Qualitätskontrolle gibt und die Information dadurch vertrauens- und glaubwürdiger sein sollte.

uniview: Können Medien in diesem Spannungsfeld die Rolle der objektiven Politikvermittlung noch wahrnehmen?

Lecheler: Viele Medien in den westlichen Demokratien erfüllen ihren Auftrag sehr gut. Es gibt sehr viel kritische Berichterstattung. Wenn wir JournalistInnen fragen, wie unabhängig sie sich von staatlichen Einflüssen fühlen, zeigen sie sich sehr selbstbewusst. Klar gibt es Schwachstellen, wie etwa Routinen, die dazu führen, dass die Berichterstattung einseitig wird. Aber im Allgemeinen bin ich positiv eingestellt, was den Qualitätsjournalismus betrifft.

Boomgaarden: Hinzu kommt, dass Medien auch wirklich konsumiert werden. Wir sehen eine Tendenz, dass jüngere Generationen Artikel eher über Facebook bekommen. Zwar mit einer gewissen Vorauswahl, was nicht ganz so wünschenswert ist, aber dennoch wird auf diese Weise Qualitätsjournalismus tatsächlich konsumiert und rezipiert. Dass es Leute gibt, die Nachrichten nicht konsumieren, war vor 40 Jahren nicht viel anders. Man darf das, was passiert, nicht überdramatisieren.

uniview: Welchen Einfluss haben Begriffe wie "Fake News" oder "postfaktisch" auf die Glaubwürdigkeit von Medien?

Lecheler: Fake News ist das Schlagwort auf der Spitze einer größeren Entwicklung. Und zwar der Idee, dass politisch oder gesellschaftlich relevante Meinungen und Einstellungen nicht mehr notwendigerweise auf Fakten basieren müssen. Sie können auch darauf basieren, wie man sich fühlt und ob man etwas mag oder nicht. "Fake" bedeutet eigentlich eher "ich mag das nicht". Wir haben dieses Feld noch nicht soweit erforscht, aber ich denke, dass es Effekte auf das Grundvertrauen hat, das Bürgerinnen in die Medien und die Politik haben. Wenn wir Nachrichtenmedien oder die PolitikerInnen absolut anzweifeln, gibt es keine Grundbasis mehr für Demokratie.

Boomgaarden: Die Eurobarometer-Daten zeigen aber, dass das Vertrauen in Medien in Österreich in den letzten 15 bis 20 Jahren relativ stabil geblieben ist. Einen generellen Vertrauensverlust sehe ich, zumindest in den Daten, die wir derzeit haben, nicht.

uniview: Parteimedien stehen zwischen Medien und Politik. Wie sind parteigeförderte Medien in Hinblick auf die Demokratie zu beurteilen?

Boomgaarden: Es ist Teil des Systems, dass die Kanäle fragmentieren und das Mediensystem eine Offenheit bietet, die es für viele einfacher macht, zu publizieren. Ich würde anzweifeln, dass es viele Leute gibt, die sich exklusiv über solche Angebote informieren und wenn sie das nicht exklusiv tun, ist es erstmal nicht dramatisch. Dann ist es eine Stimme im Meinungsspektrum.

Lecheler: Der Unterschied liegt im Label. Das ist auch bei Fake News das Problem. Es ist nicht neu, dass es Falschnachrichten oder Verschwörungstheorien gibt. Neu ist, dass diese Dinge als Nachrichten gelabelt werden. Und das gilt auch für Parteimedien. Wenn es statt "FPÖ TV" plötzlich "Neutrale Nachrichten TV" heißt, haben wir ein Problem, auch für die Demokratie. Denn das vermittelt, dass diese Medien einen journalistischen Auftrag und keinen Parteienauftrag haben.

uniview: Können soziale Medien auch positive Auswirkungen auf die Demokratie haben – beispielsweise auf die Wahlbeteiligung?

Lecheler: Als das Thema "politische Partizipation online" aufgekommen ist, gab es eine Euphorie in unserem Fach. Eine Euphorie, dass sich BürgerInnen hier beteiligen und junge Leute motiviert werden können. Das hat sich nicht ganz so bewahrheitet. Studien zeigen, dass nur Leute, die ohnehin schon politisch aktiv sind, dies auch online sind. Es gibt bestimmt mehr Möglichkeiten zur Partizipation, aber ob das auch Effekte auf die Wahlbeteiligung hat, ist strittig.

Was ist uns Demokratie wert? Sophie Lecheler und Hajo Boomgaarden antworten

uniview: Hat sich die Art wie PolitikerInnen mit Medien kommunizieren durch soziale Medien verändert?

Boomgaarden: Soziale Medien werden genutzt, um Botschaften in die Welt zu setzen, in der Hoffnung, dass die Medien sie aufnehmen. Ich habe in den letzten zwei Jahren unzählige Tweets von Trump nur gelesen, weil sie in den Medien reproduziert wurden. Das hat sicherlich etwas geändert in der Interaktion zwischen PolitikerInnen und Medien und hat vielleicht sogar die Machtposition der PolitikerInnen wieder ein bisschen verstärkt, weil sie nicht mehr darauf warten müssen, angerufen zu werden.

uniview: Sozialen Medien wird oft vorgeworfen, dass sie kleine Teilöffentlichkeiten schaffen, sogenannte Filterblasen. Ist das ein Problem?

Boomgaarden: Wir haben ein bestimmtes Meinungsspektrum und idealerweise bewege ich mich innerhalb dieses Spektrums, kriege aber mehr mit, als nur meinen Teil. Filterblasen oder das, was soziale Medien theoretisch verstärkt fördern könnten, ist, dass ich mich nur mehr auf einen kleinen Teil dieses Informationsspektrums fokussiere und nichts Anderes mehr mitbekomme. Die empirischen Belege dafür sind im europäischen Kontext sehr mager. Wir sehen nach wie vor, dass Leute auch in sozialen Medien immer noch Informationen bekommen, die nicht unbedingt ihrer eigenen Meinung entsprechen.

Lecheler: Soziale Gruppen gab es schon immer, aber heute haben wir neue Akteure, nämlich die sozialen Medien selbst. Diese Akteure sind nicht böse, aber sie haben eigene Ideen, was in einer Demokratie gut und schlecht ist. Wenn Facebook sein partizipatorisches Potenzial verbessern möchte, kann ich das super finden, aber ich sollte nach seiner normativen Aufgabe fragen: Wo liegt die Verantwortung von Facebook?

uniview: Vielen Dank für das Gespräch!

Sophie Lecheler ist Professorin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien. Ihre Forschungsgebiete erstrecken sich von Framing Effekten und politischem Journalismus bis zu Emotionen in der politischen Kommunikation und Nachrichtenverarbeitung.

Hajo Boomgaarden ist Vizedekan für Forschung und Infrastruktur der Fakultät für Sozialwissenschaften und Professor am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien. Sein Forschungsfokus liegt auf Medienwirkungsforschung, Textanalyse Methoden und Europäischer Integration.