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19.9.1989: Information Gesandter Nowotny
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Dok. 57
Staat. Demgegenüber hätte die neue Ost-West-Grenze, also die Ost-Grenze eines
wiedervereinigten Deutschlands den Vorteil geradliniger als die bisherige mi-
litärische Ost-West-Grenze zu sein und dementsprechend leichter wäre sie zu
verteidigen.
Stärker negativ betroffen von einer solchen Verschiebung der militärischen
Trennlinie nach Osten wäre allerdings die Tschechoslowakei. Deren Nord-West-
Grenze wird gegenüber der NATO zur Zeit durch die DDR abgedeckt. Bei einem
Ausscheiden der DDR aus dem Warschauer Pakt wäre diese Grenze dann direkt
der NATO ausgesetzt. Eine Lösung dieses Problems könnte dadurch erfolgen, dass
das Gebiet der heutigen DDR auch nach einer Wiedervereinigung mit der BRD,
und obwohl das wiedervereinigte Deutschland der NATO angehören würde, „de-
militarisiert“ wird, wobei diese Demilitarisierung durch internationale Garantien
abgesichert werden könnte.
Zusammenfassend:
Trotz der Lippenbekenntnisse zum „Selbstbestimmungsrecht“ wünscht heute
kein europäischer Staat eine deutsche „Wiedervereinigung“. Es kann aber die
Furcht vor einer solchen Wiedervereinigung zu einem sehr destabilisierenden
Element der europäischen Politik werden; ohne dennoch eine Wiedervereinigung
verhindern zu können. Ob es zu dieser Wiedervereinigung tatsächlich kommt,
ist natürlich unsicher. Ausgeschlossen werden kann sie jedenfalls nicht. In bei-
den deutschen Staaten gibt es Entwicklungen, die eine solche Wiedervereinigung
heute jedenfalls wahrscheinlicher machen, als sie es noch vor zwei-drei Jahren
gewesen ist. Ein wiedervereinigtes Deutschland könnte und sollte nicht neutral
bzw. neutralisiert sein. Würde aber zumindestens der westliche Teil des wieder-
vereinigten Deutschlands weiter in der NATO, und das gesamte Deutschland der
EG integriert bleiben, dann würde sich daraus aber nicht jene Bedrohung durch
einen neu entstandenen militärischen und wirtschaftlich dominierenden Super-
staat ergeben, die allgemein befürchtet wird.
Wien, am 19. September 1989
Nowotny m. p.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99