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29.9.1989: Bericht Botschafter Bauer
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Dok. 59
landpolitik zur Milderung der Folgen der Teilung im Interesse der Menschen in
den beiden deutschen Staaten – weiterhin an Zusammenarbeit und Entwicklung
der Beziehungen interessiert, ja darauf angewiesen. Die Verantwortlichen in der
Bundesrepublik sehen keine vernünftige Alternative zu dieser Politik, können
sich allerdings aus eigenen innenpolitischen Zwängen nicht zu beschwichtigend
zur Lage in der DDR äußern.
Das grundlegende, hier auch eingestandene Dilemma liegt freilich in folgen-
dem: Die jetzige Krise ist
– nicht nur zeitlich!
– eine Folge der vor etwa zwei Jahren
verfügten Reiseerleichterungen und Liberalisierungen; das bekräftigt die Erfah-
rung, dass derartige Ansätze des „kleinen Fingers“ rasch „die ganze Hand“ kosten
können. Deutschland-Experten in BKA, AA und SPD meinen deshalb überein-
stimmend, die DDR habe mit diesen, in Bonn durchaus anerkannten Maßnahmen
zu spät zu wenig getan – zu einem früheren Zeitpunkt (im wirtschaftlichen Auf-
schwung der Blütezeit Honeckers, also bis Ende der 70er Jahre)
hätte man die Be-
völkerung noch damit zufriedenstellen können. Niemand bestreitet aber, dass die
SED-Führung nun zwischen der Wahl stehe, als kleineres Übel den augenblick-
lichen Zustand durch Immobilität zu stabilisieren zu versuchen oder aber durch
Reformen das Risiko eines Machtverlustes einzugehen. Hinzu kommt, dass die
Reformen jedenfalls in ihrer mehrjährigen Anfangsphase eher destabilisierend
wirken und die schon wiederholt enttäuschte Bevölkerung ihnen zunächst auch
nicht glauben würde.
Der deutschlandpolitische Referatsleiter im AA14 nennt verschiedene logische
Gründe für DDR-Reformen:
– nur eine reformierte DDR könne von einem Europa-Plan profitieren, ohne Re-
formen würde sie sich noch mehr isolieren
– Ostberlin würde ohne Reformen im Europarat wie auch in der Gunst des Euro-
päischen Parlamentes (maßgeblich für die EG-Verhandlungen) hinter Ungarn
und Polen zurückfallen
– die DDR habe bereits ihren 10. BNP-Weltrangplatz an die aufstrebenden Län-
der Ostasiens verloren
– negative Rückwirkungen der DDR-Instabilität auf den WP (schlechte Bezie-
hungen zu Polen, SU, Ungarn, teils auch zur ČSSR: „Die BRD ist der verlässlich-
ste Verbündete der DDR“!)
– Gefahr des Verlustes der Stellung als bedeutendster Verbündeter Moskaus (frü-
her Schlüsselstellung im WP für die Fortführung der Westbeziehungen auch
in Eiszeiten)
– die „Verwerfungen“ in der DDR-Gesellschaft würden mit längerem Zuwar-
ten auf Reformen noch schlimmer, und die „Sicherheitsfraktion im Politbüro“
habe bei der Entscheidung im Frühjahr 1989, den Touristenverkehr nach Un-
garn trotz Beseitigung des Eisernen Vorhanges nicht zu beschränken, nur die
14 Frank Lambach, Leiter des Referats für Außenpolitische Fragen, die Berlin und Deutschland
als Ganzes betreffen, im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland, siehe Personen-
register mit Funktionsangaben.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99