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29.9.1989: Bericht Botschafter Bauer
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Dok. 59
Alle wissen, dass es bei der deutschen Frage heute und noch „auf ganz abseh-
bare Zeit“ (BKA) nicht um Wiedervereinigung, sondern die Verbesserung des Sta-
tus quo (Menschenrechte, Freiheit, Selbstbestimmung usw.) geht.
Alle Gesprächspartner sehen das kardinale Interesse der SU an einem intakten
Glacis in dem der DDR ein entscheidender Platz zukommt; ein wiedervereinig-
tes Deutschland würde jedoch im Westen liegen! Die jüngsten „Revanchismus“-
Vorwürfe aus Moskau19 vermochte der BKA-Gesprächspartner freilich noch nicht
richtig einzuordnen: Er sieht darin vorläufig einen moralischen Rückhalt für die
DDR, möglicherweise aber auch echte Befürchtungen, der Westen könne zu Ver-
änderungen des territorialen und bündnispolitischen Status quo (Herausbrechen
der DDR aus dem WP) versucht sein.
Die Unterstützungserklärungen Präsident Bushs20 (oder zuletzt des britischen
Außenministers Major)21 für die „Wiedervereinigung“ sind der BRD deshalb in-
nenpolitisch zwar nicht unwillkommen, insgesamt zum gegenwärtigen Zeitpunkt
aber doch nicht ganz gelegen (wie überhaupt der Sekretär des innerdeutschen
Ausschusses das Wiedervereinigungs-Gerede als schädlich bezeichnet). Denn sie
erwecken den Eindruck, als stünde die Wiedervereinigung bevor, während nichts
unrichtiger erscheint:
– die DDR wird nicht zusammenbrechen (dafür würden der Sicherheitsappa-
rat und nötigenfalls die sowjetischen Stationierungstruppen sorgen; ein Ge-
sprächspartner sah darin einen Grund für angebliches Zögern der DDR bei den
Wiener Verhandlungen?)
– Die SU hat kein Interesse am Verlust der DDR
– Westeuropa (dessen politisch unvernünftige Befürchtungen und Ermahnun-
gen wegen eines Abdriftens der Deutschen usw. eben durch diese ständigen
19 Der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse warnte in seiner Rede vor der UNO-
Vollversammlung am 26. September 1989 vor deutschem Revanchismus, was zu einer Ver-
stimmung auf Seiten der Bundesrepublik führte. Vgl. Wer konnte das ahnen?, in: Der Spiegel,
Nr. 40/1989, 2. Oktober 1989.
20 George H. W. Bush besuchte vom 30. bis 31. Mai 1989 die Bundesrepublik. Am 31. Mai 1989
hielt er in Mainz eine Rede mit dem Titel „Für ein ungeteiltes freies Europa“. In dieser sprach
er von den USA und der Bundesrepublik als „partners in leadership“ und führte u. a. aus: „Die
Zeit ist reif. Europa muß frei und ungeteilt sein. […] Wir streben die Selbstbestimmung für
ganz Deutschland und alle Länder Osteuropas an. Wir werden nicht ruhen und uns nicht be-
irren lassen. Die Welt hat lange genug gewartet.“ Mit Blick auf den bereits begonnenen Abbau
des Eisernen Vorhangs an der österreichisch-ungarischen Grenze betonte er: „Ebenso wie in
Ungarn müssen diese Schranken in ganz Osteuropa fallen. Berlin muß die nächste Station
sein.“ Sie „steht als Monument für das Scheitern des Kommunismus. Sie muß fallen.“ Vgl.
Bulletin, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Nr. 54, 2. Juni 1989, S. 484–486.
21 John Major, Außenminister Großbritanniens (Juli – Oktober 1989), siehe Personenregister mit
Funktionsangaben. Major hatte am 20. September 1989 die Bundesrepublik besucht und dort
laut zeitgenössischer Medienberichterstattung bekräftigt, „that the UK maintains the posi-
tion it has held for over thirty years on the desirability of self-determination for the German
people, but that there is likely to be some way to go before reunification can become
a practical
proposition“. Sir C.
Mallaby (Bonn) to Mr. Major (=
Dokument 13), in DBPO III / VII: German
Unification, S. 33–34.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99