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29.9.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger und Gesandter Graf Dok. 60
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mit Trompetengedröhne über den Aufbruch in der DDR in seine Pankower Par-
terrewohnung und zeige ihm seine Landsleute, wie sie sich vor den West-Kameras
präsentieren. Diese Profilierungsversuche vor den Westmedien gefährden schon
jetzt die Solidarität unter den losen Zusammenschlüssen.
Diese losen Zusammenschlüsse kann man zurzeit lediglich als Gesprächsforen
keineswegs noch als Gruppen und schon gar nicht als Opposition bezeichnen, wie
wohl dies fast allabendlich im West-Fernsehen so dargestellt wird. Viele bleiben
zum Großteil sogar im Rahmen der SED, jedenfalls aber im Rahmen des Sozialis-
mus, der demokratischer, menschlicher, offener gestaltet werden soll. Die Reak-
tion der Obrigkeit ist daher zum jetzigen Zeitpunkt noch eher gelassen. Als klei-
ner Ausrutscher kann nur die Ablehnung der Anmeldung des „Neuen Forums“
bezeichnet werden, worin das Ministerium für Inneres dieses Gebilde zunächst
als staatsfeindlich dargestellt hat. Dieser „alte Ausdruck“ wurde zu Beginn der
Woche, als der Staatsratsvorsitzende wieder zurück war, nicht mehr verwendet.
Desgleichen muss darauf hingewiesen werden, dass sich die Sicherheitskräfte am
Montag, dem 25. September 1989, bei der fast wöchentlichen Demonstration in
Leipzig16 nach dem Fürbitt-Gottesdienst sehr zurückhaltend verhalten haben. Die
Sicherheitskräfte werden alles unternehmen, um eine würdige Feier zum 7. Okto-
ber zu ermöglichen. Harte Reaktionen werden vermieden werden.
Nachdem zum jetzigen Zeitpunkt weder Organisation noch durchschlagskräf-
tige Köpfe zu sehen sind, die eine Reform außerhalb und schon gar nicht gegen
die Partei erzwingen können, muss noch immer gehofft werden, dass das Polit-
büro (und nicht mehr die Partei) nach dem 7. Oktober Signale setzen. Die Dis-
kussion über den täglichen Aderlass an jungen Menschen geht im Stillen auch im
Politbüro bereits vor sich. Mit einer weiteren Erleichterung der Reisemöglichkei-
ten kann auch jetzt durchaus noch gerechnet werden. Die verwandtschaftliche
Beschränktheit der Reisen in den Westen könnte durchaus aufgehoben werden.
Dieses Signal wird kurzfristig vom Westen gelobt werden und auch (kurzfristig)
hier etwas Hoffnung geben. Vor dem Parteitag im Mai 1990 wäre es jedoch dar-
über hinaus erforderlich, offener in Partei und Gesellschaft zu werden, Kritik ver-
mehrt zuzulassen und auch darzustellen sowie dem Menschen durch Mitbestim-
mung, vor allem auf den unteren Ebenen, neue Motivation zu geben. Die nach wie
vor andauernde Forderung aus dem Westen nach Reformen werden jedoch diese
Schritte im Politbüro nicht erleichtern.
Die permanenten Forderungen nach Reformen aus dem Westen haben als
permanente Antwort aus dem Politbüro die fast tägliche Wiederholung des ho-
hen Standes des Sozialismus à la DDR herbeigeführt. Die demonstrative Teil-
nahme zahlreicher Mitglieder des Politbüros, Mitglieder des Ministerrates und
16 Am 4. September 1989 fand erstmals eine der bald fast wöchentlich stattfindenden und als
Montagsdemonstrationen bekannt gewordenen Demonstrationen in Leipzig statt. In weiterer
Folge fanden die Montagsdemonstrationen auch in anderen Städten der DDR statt. Am 9. Ok-
tober 1989 in Leipzig nahmen rund 70.000 Menschen an der Demonstration teil, die entgegen
der Befürchtungen von Repressionen des Regimes verschont blieb.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99