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6.10.1989: Bericht Botschafter Grubmayr Dok. 61
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hiebei die Besorgnis über einige aggressive und revanchistische Tendenz in der
Bundesrepublik zum Ausdruck gebracht. Diese Besorgnis beziehe sich u. a. auch
auf gewisse Aussagen während des letzten Parteitages der CDU in Bremen.5 Man
habe dort über Änderungen und über die Überwindung des Status Quo in Europa
gesprochen. Es sei davon geredet worden, dass die Frage der europäischen Wie-
dervereinigung auf den ersten Platz in der europäischen Politik vorgeschoben
werden müsse. Unter Bezugnahme auf den Beschluss des Bundesverfassungs-
gerichtes von 19736 habe man die Vision eines vereinigten Deutschland in den
Grenzen von 1937 vorgebracht und davon gesprochen, dass, juristisch gesehen,
das Deutsche Reich noch immer in diesem Umfang existiert.
Solche Aussagen stünden im Widerspruch mit einer ganzen Reihe von Verträ-
gen, welche die BRD mit der SU, mit Polen und der ČSSR abgeschlossen habe.7
Herr Kohl als Vorsitzender der CDU habe sich nicht von diesen Aussagen di-
stanziert. Er versuche, den Moskauer Vertrag8 und die Gemeinsame Erklärung,9
die beim heurigen Besuch von Präs. Gorbatschow in Bonn veröffentlicht wurde,
in Gegensatz miteinander zu bringen. Der Bundeskanzler habe vergessen, dass
die Gemeinsame Erklärung einen Passus enthält, wonach sich die bilateralen
Beziehungen auf den Moskauer Vertrag gründen und eben dieser Vertrag stipu-
liere die strikte Beachtung der territorialen Unversehrtheit der beiden deutschen
Staaten.
Auf Anfrage von sowjet. Seite hin hätten maßgebliche CDU-Politiker erklärt,
die Aussagen beim Parteitag seien für innenpolitische Zwecke bestimmt gewesen
und man hätte von CDU-Seite versichert, dass die Linie der gemeinsamen Er-
klärung unverändert aufrecht bleiben wird. Nachdem Herr B. zu erkennen gab,
dass er diesen Zusicherungen nicht 100-prozentig glauben schenke („wir werden
ja sehen“), äußerte er sehr nachdrücklich die Auffassung, dass dieses Dokument,
5 Der 37. Bundesparteitag der CDU fand vom 11. bis 13. September 1989 in Bremen statt. Hel-
mut Kohl wurde mit ca. 77 % wieder zum Parteivorsitzenden gewählt (571 Ja-Stimmen, 147
Nein-Stimmen und 20 Enthaltungen). Generalsekretär Heiner Geißler wurde aus seiner
Funktion entlassen, ihm folgte Volker Rühe nach. Für das Parteitagsprotokoll siehe: http://
www.kas.de/upload/ACDP/CDU/Protokolle_Bundesparteitage/1989-09-11-13_Protokoll_37.
Bundesparteitag_Bremen.pdf (zuletzt abgerufen am 23. Februar 2017).
6 Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum Grundlagenvertrag wurde am 31. Juli 1973
gefällt. Es hielt am Fortbestand des Deutschen Reichs fest. Die Bundesrepublik Deutschland
war demnach nicht Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs, sondern mit diesem ident, auch
wenn ihre geografische Ausdehnung nur einen Teil des Deutschen Reiches umfasste. Daraus
folgte, dass die DDR „nicht als Ausland angesehen“ werden könne und die Grenze zwischen
der Bundesrepublik und der DDR ähnlich der Ländergrenzen der Bundesrepublik sei. Für den
vollen Wortlaut siehe: Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum Vertrag über die Grund-
lagen der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demo-
kratischen Republik vom 31. Juli 1973 (= Dokument 68), in: Zehn Jahre Deutschlandpolitik,
S. 232–243.
7 Siehe Dok. 1, Anm. 17.
8 Siehe Dok. 1, Anm. 17.
9 Siehe Dok. 41, Anm. 3
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99