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12.10.1989: Information Gesandter Sucharipa
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Dok. 62
Zugleich ist in anderen osteuropäischen Staaten (mit Abstufungen) derzeit Wi-
derstand gegen diesen gesellschaftspolitischen Trend zu verzeichnen. Aus diesen
unterschiedlichen Entwicklungen resultiert eine deutliche Diversifikation und
Differenzierung innerhalb des früher weitgehend monolithischen „Ostblocks“.
Überlegungen darüber in welche Richtung die Entwicklung in Osteuropa in
den kommenden Jahren gehen wird, haben notwendigerweise weitgehend speku-
lativen Charakter:
– Denkbar ist sowohl ein dann auch für den osteuropäischen „Durchschnitts-
bürger“ in Form einer Verbesserung des materiellen Lebensstandards spür- und
erfahrbarer Erfolg des Reformkurses in der SU, Ungarn und Polen begleitet von
einer weitgehenden Absicherung des demokratischen Weges. Von einem solchen
Erfolg könnten sich dann wohl die anderen osteuropäischen Staaten nicht auf
Dauer abkapseln.
– Es können aber auch ernste Rückschläge in diesen Reformbemühungen we-
gen der Größe der Aufgabe der Umgestaltung von seit Jahrzehnten erstarrten un-
rationellen Wirtschaftsprozessen, einem möglichen Überhandnehmen zentrifu-
galer, separatistischer Tendenzen etc. nicht ausgeschlossen werden.
Für Österreich (und die gesamte westliche Welt) kann es daher nur darum
gehen, die Reformprozesse – wo immer sie sich manifestieren – deutlich zu un-
terstützen und sich zugleich des Umstandes bewusst zu bleiben, dass, wie bereits
erwähnt, Rückschläge – auch gravierender Natur
– möglich sind.
[…]2
DDR; Einschätzung der politischen Lage
12. Oktober 1989
Die Staats- und Parteiführung der DDR hat seit Beginn der Ära Gorbatschow in
der Sowjetunion jeden Reformbedarf unter Hinweis auf ihre eigene „Fortschritt-
lichkeit“ bestritten. Sie konnte sich dabei auf die im Vergleich zu anderen War-
schauer Pakt-Staaten relativ günstige Wirtschaftssituation stützen. Hinzu kam
die kontinuierliche Intensivierung der pragmatischen Zusammenarbeit mit der
BRD jenseits der öffentlichen Rhetorik.
Das nachlassende Wirtschaftswachstum, das das ideologische Axiom der
„Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ zunehmend in Frage stellt, die im-
mer offensichtlicher notwendige Generationenablöse an der Parteispitze und die
Attraktivität der Reformpolitik in einzelnen Paktstaaten (v. a. Polen und Ungarn),
deren Entwicklung über das BRD-Fernsehen weiten Teilen der Bevölkerung ins
Haus geliefert wird, haben innerhalb der SED offenbar schon vor einigen Monaten
zu der Erkenntnis geführt, dass eine flexiblere Antwort gefunden werden muss.
Man begnügte sich allerdings mit dem Versuch, den Status quo „gefälliger zu ver-
packen“ („Sozialismus in den Farben der DDR“).
2 Ausgelassen wurden die Lagebeurteilungen zur Sowjetunion, der ČSSR, Bulgarien, Rumä-
nien, Albanien und Polen.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99