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30.10.1989: Bericht Botschafter Schallenberg
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Dok. 63
Auf Grund der Schlüsselposition der DDR im WP würde auch eine reform-
orientierte DDR
– selbst bei in absehbarer Zeit nicht zu erwartender Entwicklung
zu einem pluralistischen Rechtsstaat – nicht an der Paktmitgliedschaft rütteln
können und schon deshalb als eigener Staat bestehen bleiben. Die Absicherung
der staatlichen Identität hängt jedoch davon ab, ob es zu ausreichend tiefgrei-
fenden Reformen kommt. Die Haltung der Oppositionsgruppen lässt eine solche
Entwicklung durchaus nicht ausgeschlossen erscheinen.
[…]7
Dok. 63: Bericht. Frankreich und die Frage der Wiedervereinigung, 30.10.1989
Botschafter Wolfgang Schallenberg an BMAA, Paris, 30. Oktober 1989, Zl. 583-Res/89, ÖStA, BMAA, II-Pol 1989,
GZ. 22.17.01/11-II.1/891
Französische Aussagen zur Frage einer deutschen Wiedervereinigung
Die jüngsten Entwicklungen in Osteuropa und insbesondere in der DDR haben
auch in Frankreich zu einer stärkeren Befassung mit der Frage einer möglichen
deutschen Wiedervereinigung geführt. Wenn es auch heute noch zu früh erscheint,
eine fundierte Analyse der Haltung der französischen Regierung und der hiesigen
Öffentlichkeit
– von der angeblich mehr als 60 % die Wiedervereinigung befürwor-
ten
– vorzulegen, so ist doch anzumerken, daß ein Denkprozeß eingeleitet wurde,
der die bisherige weitgehende Tabuisierung dieses Themas abzu lösen beginnt.
Die Bundesrepublik wurde in Frankreich bisher und je nach Blickwinkel des
Betrachters entweder als Vorbild oder als Konkurrent hingestellt, wobei der Beur-
teilung in erster Linie wirtschaftliche Beweggründe zugrunde lagen. Politisch war
eine gewisse Eifersucht nicht zu übersehen, insbesondere soweit es das Verhältnis
der BRD zu und zwischen den beiden Supermächten oder die bundesdeutsche
Präsenz in Osteuropa betraf, aber auch eine tief verwurzelte Angst vor den Deut-
schen. Darauf basierte die weit verbreitete, aber öffentlich meist unausgesprochen
7 Ausgelassen wurden die Lagebeurteilungen zu Ungarn und Jugoslawien.
1 Der vom Referenten Gesandten Karl Vetter von der Lilie erstellte Bericht wurde im BMAA
von der Abteilung II.1 in Bearbeitung genommen. Abteilungsleiter Gesandter Johann Plattner
und Marius Calligaris verfügten am 14. November 1989 die Weiterleitung des Berichtes an die
österreichischen Vertretungsbehörden im Ausland gemäß Liste KSZE. Im Haus wurde der Be-
richt der Abteilung II.3 (Ostabteilung) sowie dem Generalsekretariat und dem Kabinett des
Ministers zugeleitet. Auch die Sektion I dürfte bedacht worden sein. Dem Bericht lagen (A)
ein Auszug der Aussagen François Mitterrands bei der Pressekonferenz anlässlich des Besuchs
des portugiesischen Präsidenten Mario Soares in Paris am 18. Oktober 1989, (B) Äußerungen
Mitterrands in Caracas am 10. Oktober 1989 und (C) Ausführungen von Außenminister Du-
mas vom 8. Oktober 1989 bei.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99