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6.11.1989: Aktenvermerk Gesandter Sucharipa Dok. 65
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ausführlich Gelegenheit zur Erörterung der Lage in der DDR gegeben. Ähnlich
wie bei seinem Berlin-Besuch Anfang Oktober,3 hat Gorbatschow erneut die drin-
gende Notwendigkeit von Reformen in der DDR betont („es ist spät, aber nicht zu
spät“), ohne freilich unmittelbaren Druck auszuüben. Die SED müsse (so Gor-
batschow) selbst zu einer Analyse der gegenwärtigen Situation kommen; das so-
wjetische Beispiel könne nicht einfach kopiert werden.
2) Laut Egon Krenz werde die SED die positiven Erfahrungen der Perestroika für
die Lösung der sich aus dem Wandel der DDR ergebenden Probleme nutzen. Das
für Ideologiefragen zuständige SED-Politbüromitglied Kurt Hager (bekannt für
seine Ablehnung der Beispielwirkung des sowjetischen „Tapetenmusters“),4 ist
inzwischen zurückgetreten.5 Bezeichnend ist auch, daß bereits der zweite Aus-
landsbesuch Egon Krenz nach Warschau6 (und nicht nach Prag) führte, obwohl
bisher aus vielerlei Gründen die Beziehungen DDR-ČSSR wesentlich intensiver
und unproblematischer waren als jene zur VR Polen.7
vor, dass er Gorbatschow schon sehr lange kenne
–, kann vorerst nicht abgesehen werden, vor
allem inwieweit man sowjetischerseits der Ansicht ist, dass Krenz den notwendigen Wandel
in der DDR auch tatsächlich vollziehen kann. Wie verlautet, hatte sich Gorbatschow während
seines DDR-Aufenthaltes persönlich intensiv für eine rasche Wende in der DDR-Politik ein-
gesetzt. Es heißt, dass sowohl die Apparate der KPdSU als auch des Außenministeriums über
die tatsächliche Entwicklung in der DDR nie nüchtern informiert worden seien, dem SU-Bot-
schafter in der DDR, Kotschemassow, wird eine enge Freundschaft zu Honecker nachgesagt
und auch Botschafter Kwisinskij habe aus der BRD nicht unbedingt realitätsnahe berichtet.
Deshalb gebe es vor allem im Apparat der KPdSU viele besorgte Stimmen, die fürchten, dass
die Wende in der DDR zu spät einsetze.“ Siehe SU-DDR; Arbeitsbesuch von Egon Krenz in
Moskau (31.10/1.11.89) (Info), Botschafter Herbert Grubmayr und Gesandter Martin Sajdik an
BMAA, Moskau, 6. November 1989, Funkdepesche 25447.
3 Generalsekretär Michail Gorbatschow hatte die 40-Jahr-Feierlichkeiten der DDR am 7. Ok-
tober 1989 besucht und war im Zuge dessen auch zu Gesprächen mit Erich Honecker zusam-
mengekommen. Siehe dazu bereits Dok. 44, Anm. 8.
4 Am 9. April 1987 erschien ein Interview mit Kurt Hager im Magazin Stern in dem er fragte:
„Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung tapeziert, sich verpflichtet
fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ Das Interview wurde im vollen Wortlaut
am 10. November 1987 auch in Neues Deutschland veröffentlicht und löste einen Sturm der
Entrüstung innerhalb der Bevölkerung der DDR aus. In Neues Deutschland hieß es, das Inter-
view hätte am 20. März 1987 stattgefunden. Tatsächlich lagen die Fragen jedoch dem Polit-
büro des ZK der SED vor und wurden beantwortet. Der Text wurde ebenfalls vom Politbüro
gebilligt, siehe „Kurt Hager beantwortete Fragen der Illustrierten ‚Stern‘“, in: Neues Deutsch-
land, 10. April 1987, 3. Vgl. Wolle, Die heile Welt der Diktatur, S. 292, sowie die dazugehörige
Anm. 508.
5 Kurt Hager, Mitglied des Politbüros des ZK der SED (1963–1989), Staatsrates (1976–1989)
und des Nationalen Verteidigungsrates (1979–1989), musste am 3. November 1989 als Polit-
büromitglied zurücktreten. Im Jänner 1990 folgte sein Ausschluss aus der SED-PDS, siehe
Personenregister mit Funktionsangaben.
6 Krenz absolvierte am 2. November 1989 einen Arbeitsbesuch in Polen.
7 Bereits im Mai hatte Botschafter Wunderbaldinger unter dem Titel „DDR – ČSSR; zwei Be-
suche unter guten (neuen) Freunden“ berichtet: „Diese neuen Beziehungen sind
– fast möchte
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99