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6.11.1989: Aktenvermerk Gesandter Sucharipa
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Dok. 65
3) Der Rücktritt des für die fehlgeleitete Wirtschaftspolitik der letzten Jahre ver-
antwortlichen Günter Mittag8 sowie die nun ebenfalls erfolgten Rücktritte des
Gewerkschaftsführers Harry Tisch,9 der für die strenge Ideologisierung des
Unterrichtswesens verantwortlichen Margot Honecker10 und des Ministers für
Staatssicherheit Mielke11 stellen zusammen mit der demonstrativen Dialogbereit-
schaft der SED-Führung, der Lockerung der Pressezensur, der Verkündung der
Amnestie für „Republikflüchtlinge“12 und der Ankündigung von völliger (nur
noch aus Devisengründen beschränkten) Reisefreiheit,13 deutliche Signale des
Wandels in der DDR dar.
4) Diese eingeleitete politische Wende bleibt aber eine opportunistische. Mehr
kann vom politischen Ziehsohn Erich Honeckers nicht erwartet werden. Der
Druck der Massen (sowohl der demonstrierenden als auch der flüchtenden) hat
man sagen traditionell
– weniger durch Gemeinsamkeiten als durch Negativa bestimmt: Selbst
der hiesige tschechische Kollege führt als einen Grund des Näherrückens die einende Befürch-
tung über sich abzeichnende Umwandlungen in den Nachbarstaaten Polen und Ungarn an.
Der hiesige (neue)
Botschafter der Tschechoslowakei hat beim Empfang zum Staatsfeiertag am
9. Mai unerwartet und unüblich eine Rede verlesen. Deutlich und mit offenen Worten stellte
er vor den geladenen Gästen die reservierte und abwartende Haltung der Tschechoslowakei
gegenüber Veränderungen in der Sowjetunion und in einigen sozialistischen Ländern dar. Die
analoge Haltung der deutschen Freunde unterstrich er mit Befriedigung. Es bleibt abzuwarten,
was dieses Bündnis der Verneinenden als erstes erschüttern wird.“ Botschafter Franz Wunder-
baldinger, Berlin (Ost), 11. Mai 1989, Zl. 96-RES/89, Berlin (Ost), RES-1989 (1–10), Karton 24.
8 Günter Mittag, Mitglied des Politbüros des ZK der SED (1966–1989) und Leiter der Wirt-
schaftskommission (1976–1989), wurde am 18. Oktober 1989 von allen leitenden Funktionen
entbunden und am 23. November 1989 aus der SED ausgeschlossen, siehe Personenregister
mit Funktionsangaben.
9 Harry Tisch, Mitglied des Politbüros des ZK der SED (1975–1989) und Vorsitzender des Bun-
desvorstands des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB, 1975–1989), 8. November 1989
Rücktritt aus dem Politbüro des ZK der SED, 29. November 1989 Ausschluss aus dem FDGB,
3. Dezember 1989 Ausschluss aus der SED, siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
10 Margot Honecker, Ministerin für Volksbildung der DDR (1963–1989), 2. November 1989
Rücktritt als Ministerin, 4. Februar 1990 Austritt aus der SED-PDS, siehe Personenregister
mit Funktionsangaben.
11 Erich Mielke, Mitglied des Politbüros des ZK der SED (1976–1989) und Minister für Staats-
sicherheit der DDR (1957–1989), 7. November 1989 Rücktritt als Minister, 3. Dezember 1989
Ausschluss aus der SED, siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
12 Amnestiert wurden „Personen, die vor dem 27. Oktober 1989 Straftaten des ungesetzlichen
Grenzübertritts sowie Straftaten begangen haben, die darauf gerichtet waren, die Ausreise
aus der DDR widerrechtlich durchzusetzen“ sowie „Personen, die vor dem 27. Oktober 1989
Straftaten gegen die staatliche und öffentliche Ordnung im Zusammenhang mit demons-
trativen Ansammlungen begangen haben“. Siehe: Beschluß des Staatsrates der Deutschen
Demokratischen Republik über eine Amnestie vom 27. Oktober 1989, in: Neues Deutschland,
28./29. Oktober 1989, S. 1.
13 Am 1. November 1989 wurde die am 3. Oktober 1989 geschlossene Grenze zur ČSSR wieder
geöffnet. Der Entwurf des neuen Reisegesetzes wurde am 6. November 1989 veröffentlicht,
siehe Neues Deutschland, 6. November 1988, S. 1. Dies führte zu heftigen Diskussionen in der
Bevölkerung.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99