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9.11.1989: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl
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Dok. 66
Informationspolitik (unlesbares Neues Deutschland unterdessen eine interes-
sante Zeitung), Versprechen von Wirtschaftsreformen und neue Ausreisebestim-
mungen.
Gesprächspartner bezweifeln jedoch Erfolgsaussichten und politisches Über-
leben Krenz’,3 doch könne Bonn ihn nicht offen als Übergangslösung bezeich-
nen. Stabilisierung der DDR könne nicht ohne SED-Führung (unabhängig von
ihrer Zusammensetzung) erfolgen. Der Führung müsse jedoch klar gemacht wer-
den, dass Stabilität nur über Menschenrechte und Demokratisierung möglich
ist und Schritte in dieser Richtung von Bonn konkret materiell unterstützt wür-
den. Bevölkerung jedoch ungeduldig, wogegen ernsthafte und erfolgreiche Wirt-
schaftsreformen erst nach Jahren politische Wirkung zeigen könnten. Hinsicht-
lich Demokratisierungsforderungen sei außerdem zu bedenken, dass z. B. „Neues
Forum“ nicht als politische Partei auftreten wolle, und ein ostdeutscher „Wałęsa“
noch nicht zu erkennen sei. Entwicklung der Sozialdemokratischen Partei zu poli-
tischer Kraft ebenso wenig vorhersagbar wie mögliche Entwicklung der Blockpar-
teien zu selbstständigen politischen Bewegungen (oder nur Spielpartner der SED).
Krenz wolle klarerweise führende SED-Rolle nicht aufgeben. Unklar jedoch,
ob politische Kräfte bereitstünden, die ein durch SED-Wegfallen allenfalls doch
entstehendes Vakuum füllen könnten. Risiko unkontrollierbarer Entwicklungen
bedeute Alptraum für Gorbatschow (und Bonn), der daher nötigenfalls sicherlich
zur Opferung der SED als staatstragende Partei und Akzeptierung polnischer
und ungarischer Lösungen bereit wäre, wenn Voraussetzung hierfür vorlägen.4
Achtung der Menschenrechte und Demokratisierung sind erste Schritte zur
Selbstbestimmung. Bonner Zielsetzung weiterhin „auf einen Zustand des Frie-
dens in Europa hinzuwirken, in dem das deutsche Volk in freier Selbstbestim-
mung seine Einheit wiedererlangt“ (Brief zur deutschen Einheit,5 Grundlagen-
vertrag6). Nur im Rahmen europäischer Friedensordnung könne deutsche Frage
gelöst werden. Diese Ordnung setze stabile DDR voraus, wofür wiederum Solida-
risierung der Bürger mit ihrem Staat nötig [ist] (keine Abstimmung mit den Fü-
ßen). Fehlen von Wiedervereinigungsforderungen bei DDR-Massendemonstra-
tionen und erstmaliges Auftauchen eines Nationalgefühls durch Forderungen
nach Veränderungen („wir bleiben hier“) spreche nicht gegen Wiedervereinigung,
sondern entspreche Bonns Vorstellung über Lösung der deutschen Frage durch
Selbstbestimmungsakt in zwei stabilen deutschen Staaten. Einziger Weg zu deut-
scher Einheit, unabhängig von ihrer Ausformung, ginge über stabile DDR und
nicht über Zusammenbruch des deutschen Arbeiter- und Bauernstaates.
Sogwirkung Westeuropas erstrecke sich auf ganz Osteuropa, sodass der ge-
samte Westen (nicht nur BRD) seine frühere KSZE-Hauptforderung nach Reise-
3 Handschriftlichte Unterstreichung im BMAA am Seitenrand mit Rufzeichen versehen.
4 Dieser Satz wurde im BMAA an Seitenrand handschriftlich markiert.
5 Siehe Dok. 1, Anm. 17.
6 Siehe Dok. 1, Anm. 16 und 17.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99