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10.11.1989: Bericht Gesandter Graf
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Dok. 68
vermerk vorgelegt. Es wird daher um umgehende FS- bzw. telefonische Weisung
ersucht, ob nicht kurzfristig und vorübergehend für die unmittelbare nächste Zeit
und über das Länderspiel für einige Tage hinaus DDR-Bürger auch mit einem Per-
sonalausweis alleine die Einreise nach Österreich etwa mit einem Anhang zum
Personalausweis gestattet werden kann.
In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass der Bun-
desminister für Innerdeutsche Beziehungen Frau Dr. Dorothea Wilms, die sich
heute in Berlin aufhielt, um an einer wissenschaftlichen Sondertagung „40 Jahre
Deutschlandpolitik im internationalen Kräftefeld“4 teilzunehmen, vom gestri-
gen Tag, vom 9. November 1989 von einem historischen Tag gesprochen hat. Sie
selbst ist in den Morgenstunden von Westberlin nach Ostberlin gegangen. Sie
wurde von einem Volkspolizeioffizier begleitet, der sie, für sie äußerst überra-
schend, mit den Worten „Guten Morgen, Frau Minister Wilms“ begrüßte. Bis zur
Mittagsstunde sind laut Minister Wilms von den vielen Tausenden, die in Westteil
der Stadt gegangen sind (lediglich), 1.000 bis 1.500 im Auffanglager Marienfeld
geblieben. Sie hat bei dieser Sondertagung (an der der Unterzeichnete teilgenom-
men hat) erklärt, die BRD hat außergewöhnliche Maßnahmen (auch was das Rei-
segeld betrifft) vorbereitet.
Bereits zu dieser Stunde wird im Radio der DDR in Form von Interviews die
Frage gestellt, ob und wie Österreich im Hinblick auf das Länderspiel kurzfristige
Sichtvermerke erteilen wird.
Im Hinblick auf die zu erwartende wirtschaftliche Intensivierung der Rolle
Österreichs als kleines Industrieland bei einer umgestalteten DDR sowie auch dar-
auf, dass Österreich die besondere Stellung zur DDR im gegenwärtigen Zeitpunkt
nicht verspielen darf, muss unbedingt ins Kalkül gezogen werden, dass die öster-
reichische Haltung in der für die hiesigen Menschen so ungeheuer wichtigen Rei-
sefrage eine Visitenkarte für die Zukunft der beiderseitigen Beziehungen sein wird.
Die Botschaft ersucht daher nachdrücklich, eine kurzfristige, unbürokratische und
möglichst liberale Lösung bereits für Montag zu schaffen. Es braucht nicht darauf
hingewiesen zu werden, dass durch das Grundgesetz wirtschaftliche und soziale
Belastung durch DDR-Reisende in Österreich ausgeschlossen werden müssen.
Um FS- bzw. telefonische Weißung muss dringend gebeten werden.5
Graf
4 Die Bundesministerin für innerdeutsche Beziehungen Dorothea Wilms nahm am 8./9. No-
vember an genannter Veranstaltung des Reichstags teil.
5 Eine Weisung ist in der vorhandenen Überlieferung nicht dokumentiert, sie könnte telefo-
nisch erfolgt sein. Das Problem bestand jedenfalls fort, denn am 14. November beklagte die
Botschaft, dass die Tickets für das Spiel mit Devisen erworben werden müssten, was mitunter
öffentlich sogar „als Hohn“ bezeichnet wurde: „Die Botschaft möchte eindringlich darauf
hinweisen, dass gerade aus den südlichen Regionen der DDR (Thüringen, Sachsen) sich viele
Leute spontan entschließen werden, nach Wien zu reisen und dass die Aufrufe in der Presse
und in verschiedenen Sportsendungen, ohne Karte nicht nach Wien zu reisen, keinen großen
Erfolg haben werden. Es muss daher nachdrücklich gebeten werden, zusätzliche Kartenkon-
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99