Page - 351 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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10.11.1989: Information und Sprachregelung Gesandter Plattner Dok. 69
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Die Verfassung der DDR (1974)18 enthält eine Wiedervereinigungsabsicht
nicht.19
2) Die Politik der Bonner Regierung
Ungeachtet der Aufrechterhaltung des Wiedervereinigungsanspruches geht die
Regierung in Bonn von der derzeitigen Realität der Existenz zweier deutscher Staa-
ten aus, respektiert die Unverletzlichkeit der bestehenden Grenzen und unterhält
eine „Ständige Vertretung“ in (Ost)
– Berlin, die allerdings nicht dem Auswärtigen
Amt, sondern dem Bundeskanzleramt untersteht und von einem Staatssekretär
geleitet wird.20 Eine DDR-Staatsbürgerschaft wurde allerdings nie anerkannt.
Die Regierung in Bonn war in den letzten Jahren bemüht, durch eine Politik
der kleinen Schritte auf eine Verbesserung des status quo im Verhältnis zur DDR
hinzuwirken (Verbesserung der Menschenrechtslage, mehr Freiheit und Demo-
kratie in der DDR, mehr Reisefreiheit bei einer „durchlässigeren“ Grenze).
Außenminister Genscher hat in seinen bisherigen Erklärungen zum deutsch-
deutschen21 Verhältnis im Lichte der letzten Entwicklungen darauf hingewiesen,
dass die BRD in der europäischen Friedensordnung auch den Rahmen für das
Ziel sehe, das der Brief zur deutschen Einheit formuliert hat. Dieses Ziel könne
nur unter voller Achtung der geschlossenen Verträge und nur mit allen Staa-
ten in Europa und nicht gegen sie erreicht werden. Genscher will also in Über-
einstimmung mit dem im Grundgesetz zum Ausdruck gebrachten Gedanken
(„…in einem Vereinten Europa…“) Veränderungen im deutsch-deutschen Ver-
hältnis in eine gesamteuropäische Entwicklung eingebettet wissen. Zu Erklärun-
gen westdeutscher Politiker, in denen die bestehenden Grenzen zu Polen in Frage
gestellt werden, haben Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher inzwi-
schen klargestellt, dass die BRD keine territorialen Ansprüche gegenüber Polen
geltend mache.22
18 Am 7. Oktober 1974 wurde die Verfassung der DDR geändert. Hieß es in der Fassung von
1968 im Artikel 1 noch „die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat
deutscher Nation“, so stand 1974 in der Verfassung „Die Deutsche Demokratische Republik ist
ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern“. Auch Artikel 8 wurde verändert. Der Passus
„die Deutsche Demokratische Republik und ihre Bürger erstreben darüber hinaus die Über-
windung der vom Imperialismus der deutschen Nation aufgezwungenen Spaltung Deutsch-
lands, die schrittweise Annäherung der beiden deutschen Staaten bis zu ihrer Vereinigung auf
der Grundlage der Demokratie und des Sozialismus“ wurde gestrichen. Damit verabschiedete
sich die SED von den Begrifflichkeiten der deutschen Nation und der Wiedervereinigung. Vgl.
Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 6. April 1968 (in der Fassung vom
7. Oktober 1974). Honecker sprach fortan von einer sozialistischen Nation.
19 Dieser Satz wurde erst in dieser Fassung eingefügt.
20 Ursprünglich setzte der Satz nach „unterhält“ mit „normale diplomatische Beziehungen zur
DDR“ fort.
21 Korrigiert aus: innerdeutschen.
22 Durch den Warschauer Vertrag vom 7. Dezember 1970 war der bestehende Grenzverlauf als
die polnische Westgrenze und somit die Oder-Neiße-Grenze anerkannt worden. Sämtliche
bundesdeutsche Regierungen hatten aber seither an dem Rechtsstandpunkt festgehalten, dass
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99