Page - 359 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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14.11.1989: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl Dok. 71
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Bundesregierung lt. CDU-Vertretern weiterhin bemüht, atemberaubende Ent-
wicklung in Deutschland in den europäischen Kontext einzubringen. Schwierig-
keit sei, dass vorhandenes Bündnispotential und entstandene Bewegungsfreiheit
politisch nicht mehr zueinander passten: VKSE-Verhandlungen8 liefen zwar gut,
hinkten jedoch schon hinter Entwicklung her
– gleiche Potentiale auf niedrigerer
Ebene seien heute schon zu niedrig angesetztes Ziel (was Botschaft so verstand,
dass durch weitaus stärkere Reduzierungen darüber hinausgehender Truppenab-
zug der SU aus Osteuropa und DDR zumindest schon als nächstes Verhandlungs-
ziel angestrebt werden müsste, während NATO zu rascher Reaktion unfähig ist).
Auf Frage nach Hilfsmöglichkeit anderer Staaten in dieser Lage meinte Ge-
sprächspartner, am wichtigsten sei, nicht den Kopf zu verlieren und keine Angst
zu haben: niemand brauche zu befürchten, dass die Deutschen sich selbstständig
machen und in Neutralismus abwandern würden. Delors habe dies am Wochen-
ende sehr wohltuend ausgesprochen.9 BRD habe lange genug bewiesen, dass ihr
Weg über die EG laufe. Interesse aller müsse nun sein, den Deutschen nicht zu
misstrauen, sondern zu bestätigen, dass BRD schon bisher mit freien Verbünde-
ten und Freunden den richtigen (westlichen) Weg gegangen sei. Derartige Erklä-
rungen wären willkommene Botschaft für BRD (und Beruhigung für Polen, dass
„die Deutschen miteingebunden sind“).10 Und tatsächlich: wer die BRD trotz über
40jähriger Bemühungen in Demokratie weiterhin als politisch unverlässlich ver-
dächtigt, wird sie aus Verdruss in eben diese Richtung treiben. Dies für den Fall
allfälliger österreichischer Erklärungen.11
Weitere Entwicklungen sind schwer vorhersagbar, weil weitgehend von DDR
abhängig und wohl auch dort nicht vorhersehbar. Botschaft würde jedoch anneh-
men, dass Gedanke einer verteidigungspolitischen (militärischen) Komponente
8 VKSE = Verhandlungen über konventionelle Streitkräfte in Europa. Siehe Dok. 20, Anm. 10.
9 EG-Kommissionspräsident Jacques Delors tat wenige Tage nach der Grenzöffnung vom 9. No-
vember seine Auffassung am 12. November kund, dass eine Entwicklung zu einer deutschen
staatlichen Vereinigung im Gange sei. Die EG sollte diese Entwicklung nicht verhindern, was
nur kontraproduktiv sein könnte, sondern alles versuchen, sie mitzugestalten, um sich die
Unterstützung Kohls für die weiter geplanten europäischen Integrationsschritte zu sichern.
In diesem Sinne gab Delors ein Interview für das ZDF, in dem er auf die Frage, ob er sich eine
Gemeinschaft mit zwei deutschen Mitgliedern vorstellen könne, erwiderte: „Alles ist möglich.
Es ist nicht meine Sache zu wählen. Es ist Sache der Deutschen, das Für und Wider abzuwä-
gen und im Lichte der Ereignisse, der geschichtlichen Möglichkeiten souverän ihre Wahl zu
treffen, in ihrem Recht auf Selbstbestimmung.“ Text eines Interviews, das der Präsident der
Kommission, Jacques Delors, dem ZDF gegeben hat und das am Samstag, dem 12. November
1989 zwischen 19.15 Uhr und 19.45 gesendet werden wird. Historical Archives of the European
Union (HAEU), Commission Papers, JD-936. Weiterführend zu dieser Thematik: Michael
Gehler, Von der Befürwortung zur Verzögerung und Verhinderung: Österreichs EG-Antrags-
gesuch, die Bundesrepublik und die Annäherungen der DDR an die Europäischen Gemein-
schaften 1989–1990, in: idem / Maximilian Graf (Hg.), Europa und die deutsche Einheit. Be-
obachtungen, Entscheidungen und Folgen, Göttingen 2017, S. 295–347.
10 Dieser Satz wurde durch Calligaris am Seitenrand handschriftlich markiert.
11 Für die Sprachregelung des BMAA siehe Dok. 69.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99