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15.11.1989: Bericht Gesandter Sajdik und Botschaftssekretär Eigner Dok. 72
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Dok. 72: [Auszug] Bericht. Besuch Dumas in Moskau, 15.11.1989
Gesandter Martin Sajdik und Botschaftssekretär Johannes Eigner, Moskau, 15. November 1989, ÖStA, AdR, BMAA,
II-Pol 1989, GZ. 57.18.11/1-II.3/891
Offizieller Besuch des französischen Außenministers Dumas in Moskau (13./14.11.89)
(Info)
1) Gesprächsberichten der hiesigen Presse zufolge waren europäische Themen
Schwerpunkt der Unterredungen, die der französische Außenminister mit Präsi-
dent Gorbatschow und AM Schewardnadse in Moskau geführt hat:
Entwicklungen in Osteuropa (insbes. DDR):
Wie schon gegenüber dem schwedischen Außenminister (s. FS 25467 vom 14.11.)2
hat Schewardnadse auch in seinem Gespräch mit Dumas seine „große Besorg-
nis“ über die Versuche „gewisser Kreise in der BRD“ geäußert, die Frage der Wie-
dervereinigung Deutschlands in den Vordergrund der gegenwärtigen Politik zu
stellen und vor Äußerungen gewarnt, die wie ein „Ansporn zu extremistischen
Haltungen“ betrachtet werden könnten. Beinahe auffallend in diesem Zusam-
menhang war Schewardnadses wiederholtes Bemühen, die Franzosen quasi als
die guten „Gesamteuropäer“ darzustellen (Würdigung der französischen Ko-
operationspolitik mit Osteuropa, Lob für die frühe Einsicht, die man in Paris für
1 Der Bericht erging als Fernschreiben Nr. 26841 an das BMAA und war an die Sektion II, das
Generalsekretariat und das Kabinett des Ministers gerichtet. Im BMAA wurde er von der Ab-
teilung II.3 durch Legationsrat Josef Litschauer in Bearbeitung genommen. Dieser ließ den
Bericht in Kopie der Abteilung II.1 zukommen und verfügte am 16. November 1989 seine Wei-
terleitung an die österreichischen Vertretungsbehörden im Ausland gemäß Liste „KSZE“. Im
Hause lag der Bericht zudem am 29. November 1989 der Abteilung II.7 (Europäische Sicher-
heit und Zusammenarbeit), am 28. November 1989 der Abteilung II.4 (Arabischer Staaten, Is-
rael, Iran, Islamische Konferenz, Afrika, OAU) und am 5. Dezember 1989 der Abteilung II.10
(Asien mit Ausnahme der von der Abteilung II/4 betreuten Staaten, Australien, Neuseeland,
Ozeanien) vor. Letztere Abteilungen dürften ausschließlich mit den hier nicht wiedergegebe-
nen Materien des Berichts (siehe Anm. 3) befasst gewesen sein.
2 Dort fasste Sajdik die wesentlichen Momente der Unterredung mit AM Schewardnadse folgen-
dermaßen zusammen: „DDR: Laut Schewardnadse kenne man in der SU die neue DDR-Füh-
rung sehr gut. Die UdSSR sei für einen Dialog der DDR mit allen gesellschaftlichen Kräften,
nur eine Massenemigration aus der DDR könnte die Lage destabilisieren. Es sei sehr gefähr-
lich, dass einige westdeutsche Politiker auf eine Wiedervereinigung zu drängen versuchten.
Die Lage der DDR sei in Verbindung mit der Nachkriegsordnung in Europa zu sehen. Es gelte
die Stabilität aufrechtzuerhalten. Schewardnadse kritisiert BK Kohls Auftritt beim jüngsten
CDU-Parteikongress. Er selbst habe einen Film über diesen Kongress gesehen, der ihn – so
Schewardnadse wörtlich – ‚an die 30er Jahre erinnert habe‘. Das Verlangen nach Wiederver-
einigung sei offen zutage getreten. Vielleicht sei man in der SU zu sensibel, aber Europa solle
die Lehren der Vergangenheit nicht vergessen. Schewardnadse fügte ferner hinzu, dass die
Aussagen von BK Kohl in Polen vernünftig gewesen seien.“ ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1989,
GZ. 195.18.08/1-II.3/89.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99