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23.11.1989: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl
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Dok. 76
auch durch internationale Veränderungen begünstigt: Jaruzelski6 besuchte Li-
tauen (mit starker polnischer Minderheit), Kardinal Glemp7 unternahm 1988
Pastoralreise nach Minsk und Weißrussland. WFT verbriefte Minderheitsrechte.8
Neues Vereinsgesetz werde zahlreiche Schlechterstellungen beseitigen (bei
Freundschaftskreisen in Breslau und Kattowitz bereits geschehen; Bonn erwartet
Aufhebung des Verbotes in Oppeln durch Revision). Kommunalwahlen im Früh-
jahr 1990 werden lt. BKA „Betonköpfe“ aus Wojewodschaften vertreiben, dieser
Machtkampf würde klar für Solidarität und neue Parteien ausgehen. BRD-Dele-
gation mahnte deshalb deutschstämmige Polen zu Geduld, Zeit arbeite für sie.
3. Psychologischer Durchbruch: DDR-Demonstrationen bauten alte Klischee-
bilder von den Deutschen ab, Kardinal-Erzbischof Gulbinowicz9 war bei letzten
Besuchsvorbereitungskontakten begeistert, dass Deutsche sich nicht mehr alles
gefallen ließen! Landesweite TV-Übertragung des Programms in Kreisau (mit
Friedensgruß der beiden Regierungschefs bei Gottesdienst) – Jaruzelski zeigte
sich von Begegnung persönlich und glaubwürdig beeindruckt – habe viel gehol-
fen. Gemeinsame Abneigung von Kirche, Führung und Bevölkerung gegenüber
BRD bröckle seit Kriegsrecht in Polen, konstant hohe (auch private) Hilfe aus
Bundesrepublik für die Bevölkerung habe dazu beigetragen.
Ungelöst10 bleiben:
1. Grenzfrage:11 BK ist an durch Grundgesetz und Verfassungsgerichtshofs-
Urteil festgelegte Rechtsposition gebunden und muss bei Zuwiderhandlung mit
Gefahr einer Verfassungsklage gegen ihn rechnen (mit „enormen Flurschaden“
für die deutsch-polnischen Beziehungen). BK betonte jedoch Respekt dafür, dass
seit 2 bis 3 Generationen in den früheren deutschen Ostgebieten Polen wohnen
und ihre Heimat haben. Aufgabe der Rechtsposition (was auch sozial-liberaler
Koalition nicht gelang) hätte zudem Misstrauen polnischer Bevölkerung nicht
ferenz über die menschliche Dimension der KSZE vom 5. bis 29. Juni 1990 in Kopenhagen
für alle nationalen Minderheiten gültigen Kriterien. Siehe zu Kopenhagen bereits Dok. 45,
Anm. 10. Nach Abschluss des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags vom 17. Juni 1991
wurde die deutsche Minderheit in Polen auch gesetzlich anerkannt.
6 Wojciech Jaruzelski, Präsident Polens (1989/90), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
7 Józef Glemp, Erzbischof von Warschau und Primas von Polen (1981–2009), siehe Personen-
register mit Funktionsangaben.
8 Prinzip 19 des „Abschließenden Dokuments“ des Wiener KSZE-Folgetreffens (WFT) lautete:
„Sie [die Unterzeichnerstaaten] werden die ethnische, kulturelle, sprachliche und religiöse
Identität nationaler Minderheiten auf ihrem Territorium schützen und Bedingungen für die
Förderung dieser Identität schaffen. Sie werden die freie Ausübung der Rechte durch Angehö-
rige solcher Minderheiten achten und ihre völlige Gleichstellung mit anderen gewährleisten.“
Siehe „Abschließendes Dokument“ des III. KSZE-Folgetreffens in Wien vom 15. Jänner 1989,
in: 20 Jahre KSZE, S. 106–143, hier S. 114.
9 Henryk Roman Gulbinowicz, Erzbischof des Bistums Breslau (1970–2004), siehe Personen-
register mit Funktionsangaben.
10 Handschriftliche Unterstreichung im BMAA.
11 Siehe dazu bereits Dok. 57, Anm. 10.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99