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24.11.1989: Informationen Gesandter Sucharipa Dok. 77
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zeigt das Bemühen Modrows, eine breitere politische Verankerung, jedoch unter
Aufrechterhaltung des Führungsanspruches der SED zu erzielen.
Der für Mitte Dezember d. J. angesetzte außerordentliche Parteitag der SED,3
der ein neues ZK wählen wird, dürfte auch zu neuerlichen Umbesetzungen an der
Parteispitze führen.
MP Hans Modrow hat in seiner am 17. November 1989 vor der Volkskammer
vorgetragenen Regierungserklärung4 ein wesentlich kleineres Kabinett als in
der Vergangenheit bestehend vorgestellt.
Im Ministerrat sind nur mehr 28 Mitglieder gegenüber 44 früher. Die SED
stellt 17 Mitglieder. Darunter als überfällige Geste gegenüber den bisher ent-
täuschten Frauen Prof. Dr. Christa Luft als Modrows Stellvertreter, zuständig für
Wirtschaft. Dies ist weiters auch bedeutsam, da im Hinblick auf die zerrüttete
Wirtschaft der DDR wirtschaftliche Fragen für die neue Regierung eine primäre
Bedeutung haben werden. Gerhard Schürer ist gerade in dieser Zeit als Fachmann
unersetzlich und bleibt in der Regierungsmannschaft Vorsitzender der staatlichen
Plankommission. Als weitere Frau unter den Regierungsmitgliedern der SED wird
Uta Nickel das Ressort für Finanzen und Preise übernehmen. Mit Blickrichtung
auf die neue Preisgestaltung ein gewichtiges Ressort. Für Österreich sehr erfreu-
lich hat Dr. Beil das Ressort für Außenwirtschaft beibehalten. Oskar Fischer ist
weiterhin Minister für auswärtige Angelegenheiten.5
Als wichtige Geste des Aufbruchs und des neuen Umgangs der Regierung mit
den Staatsbürgern wurde – wie erwartet – das Ministerium für Staatssicherheit
abgeschafft und wird – herabgestuft – durch ein Amt für nationale Sicherheit
ersetzt.
Prof. Dr. Manfred Gerlach (Vorsitzender der LDPD) hat es vorgezogen, sich
weiterhin als Stellvertreter des Vorsitzenden Staatsrates, auch in der (westlichen)
Öffentlichkeit zu profilieren.
Mit Hinblick auf die bisherige Führung der CDU musste sich diese christliche
Partei trotz starker Basis mit drei Ressorts zufrieden geben. Lothar de Maizière,
der neue Vorsitzende der CDU, wird als dritter Stellvertreter Modrows für kirch-
liche Fragen zuständig sein.
3 Der XII. Parteitag der SED wurde zunächst vom Mai 1991 auf 15. bis 19. Mai 1990 vorverlegt.
Nach dem Mauerfall wurde er auf Dezember 1989 vorverlegt. Der erste außerordentliche Par-
teitag fand am 8. und 9. Dezember 1989 in Ost-Berlin statt. Auf diesem wurde Gregor Gysi am
9. Dezember 1989 zum neuen Vorsitzenden gewählt. Der zweite außerordentliche Parteitag
fand am 16. und 17. Dezember 1989 wieder in Ost-Berlin statt. Auf diesem erfolgte die Umbe-
nennung der SED in „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
– Partei des demokratischen
Sozialismus (SED – PDS)“. Siehe dazu Dok. 93 und 97.
4 Für die Regierungserklärung Modrows vom 17. November 1989 siehe: „Diese Regierung wird
eine Regierung des Volkes und der Arbeit sein. Erklärung von Ministerpräsident Hans Mo-
drow“, in: Neues Deutschland, 18. November 1989, S. 3–5.
5 Dieser und die folgenden vier Absätze basieren auf: Botschafter Franz Wunderbaldinger und
Gesandter Lorenz Graf an BMAA, Berlin (Ost), 17. November 1989, ÖB Berlin (Ost), RES-1989
(1–10), Karton 24; GZ. 43.03.02/1-II.3/89. Lediglich die Aufzählung der Minister ist dort voll-
ständiger gehalten.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99