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24.11.1989: Informationen Gesandter Sucharipa
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Dok. 77
In seiner Erklärung bezeichnete Hans Modrow seine Regierung als Regierung
der Koalition eines neu zu schaffenden demokratischen Verständnisses und gab
als wichtigsten Zielpunkt die dringend notwendige Stabilisierung der Wirtschaft
an. Die Regierung werde den Prozess der demokratischen Erneuerung, der für
das Volk auch ein zorniger Prozess war, mit dem festen Willen zur Erneuerung
der sozialistischen Gesellschaft gemeinsam mit dem Volk vorantreiben. Die neu
zu schaffende sozialistische Gesellschaft wird der Individualität des Einzelnen
breiten Raum einräumen. Die Gesellschaft wird sich zu einer sozialistischen Leis-
tungsgesellschaft entwickeln. In der gegenwärtigen Situation braucht die Regie-
rung einen Vertrauensvorschuss durch das Volk und er wisse, dass er damit viel
verlange. Ein wichtiges Prinzip der neuen Regierung wird sein, dass sie nur ver-
spricht, was sie wirklich halten kann. Neuerlich betont er die absolute Notwen-
digkeit einer starken Wirtschaft, denn nur ein ökonomisch starker Staat kann
etwas für seine Bürger tun. Zentralistische und kommandomäßige Eingriffe in
die Wirtschaft, wie unter Günter Mittag, wird es nicht mehr geben. Relativ deut-
lich sprach er aus, dass die wirtschaftliche Lage des Landes so ist, dass es vorerst
schwierig sein wird, den bestehenden Lebensstandard überhaupt zu halten. Erst
nach Stabilisierung der Wirtschaft werde man daran gehen können, den Lebens-
standard wieder anzuheben. Die Kaufkraft im Lande hat sich in der letzten Zeit
ständig verschlechtert und konnte nur noch durch Aufnahme von Krediten in
westlichen Ländern halbwegs gehalten werden. Die Prinzipien des neuen Regie-
rens werden sein: Offenheit und Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Sparsamkeit.
Die notwendigen Reformen werden in Übereinstimmung mit allen politischen
Kräften schrittweise vorgenommen, zügig aber nicht überhastet, nach ordent-
lichen Analysen:
1) Reform des politischen Systems um Rechtstaatlichkeit und Rechtssicher-
heit zu stärken. Dazu gehören ein Wahlgesetz, ein Gesetz über den Ministerrat,
ein Mediengesetz, ein Passgesetz. Änderungen im politischen Strafrecht könnten
schnell erfolgen.
2) Wirtschaftsreform: Reduzierung des Zentralismus auf das erforderliche ver-
nünftige Maß. Prüfung der Subventions- und Preispolitik.
3) Bildungsreform: Die pädagogischen Praktiker der DDR haben auf ihren Ar-
beitsgebieten bereits bei ihrem Schülern und Studenten damit begonnen, indem
sie sie auffordern: fürchtet euch nicht, eure Meinung zu sagen.
4) Ökonomie und Ökologie sind in Übereinstimmung zu bringen. Die Situa-
tion ist nicht so schlecht, wie es durch unnötige Geheimhaltung den Anschein
hatte.
5) Verwaltungsreform: Demokratisierung der Verwaltung, finanzielle und per-
sonelle Verwaltung des Apparates. Die Regierung beginnt mit gutem Beispiel bei
sich selbst (von 44 auf 28).
Die Regierung hält die Übernahme von Kleinbetreiben durch private Unterneh-
mer für möglich. Über die Betriebsgröße müsse man nachdenken.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99