Page - 379 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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24.11.1989: Gespräch Vranitzky – Modrow Dok. 78
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mung im Land eingehen, andererseits müssten alle politischen Kräfte in eine Rolle
der Verantwortung eingebunden werden. Es gehe nicht an, daß sich eine große
Gruppe nur mit dem Befragen der Verantwortlichen begnüge.
Für alle Reformmaßnahmen sei wirtschaftliche Stabilität die Voraussetzung
und angesichts der wirtschaftlichen Situation der DDR seien hier die außenwirt-
schaftlichen Beziehungen besonders bedeutungsvoll. Österreich sei für die DDR
immer ein bedeutsamer Partner gewesen. Die Beziehungen seien von Kontinuität
und Vertrauen getragen und müssten sich auf dieser Basis weiterentwickeln.
Die Gesamtwirtschaftsentwicklung der DDR weise unter den sozialistischen
Staaten die günstigsten Bedingungen für einen Erneuerungsprozess auf, doch
müsste inhaltlich eine neue Mobilisierung erfolgen. Manche Instrumentarien der
modernen Wirtschaft, die von der alten Regierung abgelehnt worden waren, müs-
sten nun eingeführt werden
– vor allem Begriffe wie joint ventures, Kapitaltrans-
fer etc.
Von allergrößter Bedeutung sei es, die bürokratisch überzogene zentralistische
Leitung der Wirtschaft schrittweise zu ändern, und das in einem schrittweisen
Prozess, um Instabilität zu vermeiden.
Darüberhinaus gelte es, das gesellschaftliche System als ein sozialistisches zu
erneuern, dafür sei ein Programm rechtlicher Entscheidungen, und eine Liste zu
erlassender Gesetze erstellt worden. Das Parlament werde viel Arbeit in den näch-
sten Wochen leisten müssen. Die Volkskammer habe bereits zwei Kommissionen
eingesetzt, von denen die eine mit den Änderungen der Verfassung (z. B. Füh-
rungsrolle der Arbeiterklasse umformulieren,5 Schaffung eines Verfassungsge-
richtshofs), die andere mit der Ausarbeitung eines neuen Wahlgesetzes6 beauf-
tragt wurde.
In der Außenpolitik messe er der europäischen Politik hohen Rang zu. Dieser
besondere Vorrang für europäische Initiativen sei neu in der außenpolitischen
Gesamtkonzeption. Auch in diesem Sinne sei der Besuch des Herrn Bundeskanz-
lers so besonders wichtig. Selbstverständlich würden alle Bündnisbeziehungen
eingehalten, und die Beziehungen zur UdSSR seien durch die gegenseitige Wirt-
schaftsverflechtung nach wie vor besonders wichtig.
5 Mit dem Gesetz über die Änderung der Verfassung der DDR vom 1. Dezember 1989 (Gesetz-
blatt der DDR 1989 I, S. 265) wurde der in Absatz 1 der Verfassung festgehaltene und bis dahin
geltende Führungsanspruch der SED, wonach die DDR „unter Führung der Arbeiterklasse
und ihrer marxistisch-leninistischen Partei“ stehe, gestrichen. Die österreichische Botschaft
in Berlin (Ost) kommentierte diesen Schritt wie folgt: „Die Aufgabe des Führungsanspruchs
der SED im Artikel 1 der Verfassung wurde bekanntlich seit längerer Zeit diskutiert und auch
von der SED befürwortet. Allerdings hat sich die SED zu diesem Schritt gegen Widerstand in
Kreisen der eigenen Partei durchsetzen müssen.“ Botschafter Franz Wunderbaldinger und
Gesandter Lorenz Graf, Berlin (Ost), 1. Dezember 1989, 300-RES/89, BMEIA, ÖB Berlin (Ost),
RES-1989 (1–10), Karton 24.
6 Das neue Wahlgesetz wurde nach ausgiebiger Diskussion am 20. Februar von der Volks-
kammer verabschiedet und ließ nach kontroversen Diskussionen Wahlkampfbeteiligung aus
der Bundesrepublik zu. Auch DDR-Bürger im Ausland waren wahlberechtigt. Siehe dazu
z. B. Neues Deutschland, 21. Februar 1990, S. 1–2.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99