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24.11.1989: Gespräch Vranitzky – Modrow
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Dok. 78
Was die Beziehungen zur BRD betreffen, so sei in den Sondierungen mit Sei-
ters7 zu spüren gewesen, daß hier noch eine wichtige Arbeitsphase notwendig sei.
Die ständigen Einmischungen aus der BRD zeigten, daß wenig Vertrauen und Re-
spekt für die Souveränität8 der DDR vorhanden sei.
Natürlich habe die Entscheidung für die offene Grenze die Situation qualitativ
verändert. Das Angebot der DDR liege vor, und man habe das Wort von der Ver-
tragsgemeinschaft9 geprägt – wie breit und wie vielfältig diese Vertragsgemein-
schaft sein könne, müsse jetzt ausgelotet werden.
Die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu Österreich hätten sich gut ent-
wickelt, und man sei sehr interessiert an ihrer Fortsetzung. Die hohe Beteiligung
Österreichs an der Herbstmesse10 habe dieses Interesse auch der österr. Unter-
nehmer unterstrichen. In Kontinuität und Stabilität wolle man nun weiterarbeiten.
Durch den jährlichen Rahmenvertag sei man mit Österreich am weitesten in
der Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen.11
Der Herr Bundeskanzler dankte für die umfassende und freimütige Darstel-
lung. Die Beziehungen zwischen Österreich und der DDR seien auf allen Gebie-
ten, auch im kulturellen Bereich und im Fremdenverkehr, ausgezeichnet, und
der Rahmenvertrag sei ein gutes Signal, daß dies auch in Zukunft so weitergehen
solle. Im wirtschaftlichen Bereich lege Österreich großen Wert auf Zusammen-
arbeit in der Umwelttechnologie, und man würde hier gerne einige Initiativen
entwickeln. Der Herr Bundeskanzler gab sodann einen kurzen Überblick über
7 Seiters war am 20. November 1989 zu Sondierungsgesprächen in Ost-Berlin gewesen. Siehe
Dok. 75.
8 Die DDR war niemals voll souverän, sinngemäß muss wohl die „Eigenstaatlichkeit“ gemeint sein.
9 Unter dem Abschnitt „DDR und BRD könnten wertvolles Beispiel für kooperative Koexistenz
schaffen“ führte Modrow aus: „Indem sich beide deutsche Staaten uneingeschränkt respektie-
ren, können sie zugleich wertvolles Beispiel kooperativer Koexistenz schaffen. Die Regierung
der DDR ist bereit, die Zusammenarbeit mit der BRD umfassend auszubauen und auf eine
neue Stufe zu heben. Dies gilt für alle Fragen: Sicherung des Friedens, Abrüstung, für Wirt-
schaft, Wissenschaft und Technik, Umweltschutz, Verkehr, Post und Fernmeldewesen, für die
Kultur, den Tourismus und den umfangreichen humanitären Bereich. Wir sind dafür, die Ver-
antwortungsgemeinschaft beider deutscher Staaten durch eine Vertragsgemeinschaft zu un-
tersetzen [sic!], die weit über den Grundlagenvertrag und die bislang geschlossenen Verträge
und Abkommen zwischen beiden Staaten hinausgeht. Dafür ist diese Regierung gesprächs-
bereit. So können beide deutsche Staaten und ihre Beziehungen wichtige Pfeiler für den Bau
und die Ausgestaltung des gemeinsamen europäischen Hauses werden.“ Für die Regierungs-
erklärung Modrows vom 17. November 1989 siehe Dok. 77, Anm. 4.
10 Auf der Leipziger Herbstmesse vom 3. bis 9. September 1989 gehörte Österreich auch inmit-
ten der Flüchtlingskrise „zu den am repräsentativsten vertretenen Staaten Westeuropas“. Vgl.
Graf, Österreich und die DDR 1949–1990, S. 583.
11 Derartige Rahmenverträge wurden seit 1982 jährlich geschlossen und avancierten zu einer
tragenden Säule der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen. Dazu ausführlich: Graf, Österreich
und die DDR 1949–1990, S. 497–528, 535–547, 562–569. Siehe zur Vereinbarung über die vor-
teilhaften Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Republik Österreich und der DDR Telefax
von Staatssekretär Heinz Sommerbauer, Wien, 21. November 1989, Kreisky-Archiv, Deposi-
tum Franz Vranitzky, AP, Karton „Staatsbesuche 1991, 1988“.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99