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24.11.1989: Gespräch Vranitzky – Modrow Dok. 78
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die ausgezeichnete österreichische Wirtschaftsentwicklung, sowie über die öster-
reichische Integrationspolitik, und verwies in diesem Zusammenhang darauf,
daß das Festhalten Österreichs an der Neutralität und der Neutralitätspolitik ge-
rade jetzt, in Anbetracht der Umgestaltung bei den osteuropäischen Nachbarstaa-
ten, von großer Bedeutung sei.
Der Herr Bundeskanzler verwies darauf, daß er vor seiner Abreise noch ein
ORF-Interview mit Herrn Krenz12 gehört habe, wo dieser auch mit der Frage der
deutschen Wiedervereinigung konfrontiert worden sei. Krenz habe dazu gemeint,
daß das kein vordringliches Interesse der Bevölkerung der DDR sei. Österreich be-
trachte dies primär als eine Entscheidung, die von den deutschen Staaten zu tref-
fen sei und würde auch diese Entscheidung respektieren. Andererseits müsse man
aber auch den gesamteuropäischen Zusammenhang und in diesem Sinne auch die
Beschlüsse der KSZE über die Stabilität in Europa in Betracht ziehen.
Der Übergang zu einer Pluralität des politischen Spektrums und deren staats-
rechtliche Verankerung habe in Österreich viel aktives und sympathisierendes
Interesse ausgelöst, das sich auch auf die Kooperation und die Unterstützung aus-
wirken würde. Man habe nun im „Ost-West-Fonds“13 eine neue Konstruktion für
12 Egon Krenz, Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrats der DDR (Ok-
tober – Dezember 1989), siehe Personenregister mit Funktionsangaben. Die Sendungen des
ORF aus diesem Zeitraum sind noch nicht digitalisiert und können daher noch nicht im Ar-
chiv nachgehört werden.
13 Im Vorfeld des Besuchs Vranitzkys bei Modrow hielt Finanzminister Ferdinand Lacina in
Wien eine Pressekonferenz ab, in der er einen Ost-West-Fonds ins Spiel brachte und von
Krediten für Osteuropa sprach. Frankreich und Großbritannien sollten Interesse für diesen
Ost-West-Fonds haben, da beide Staaten zu diesem Zeitpunkt noch am Erhalt der DDR In-
teresse hatten. Von den in Österreich ins Gespräch gebrachten 5 Milliarden Schilling (rund
710 Millionen D-Mark) sollte nicht nur die DDR, sondern auch Polen profitieren. Helmut
Kohl befürchtete, so Fritz Bauer, „dass der österreichische Vorschlag zum Nukleus einer grö-
ßeren westeuropäischen Stützungsaktion werden könnte“, zumal auch eine Europäische Bank
für Wiederaufbau und Entwicklung (European Bank for Reconstruction and Development
= EBRD) im Entstehen begriffen war, um deren Sitz in Wien sich Vranitzky beworben hatte.
Letztlich bekam London den Zuschlag. Modrows Bitte um finanzielle Unterstützung im Aus-
maß von 15 Milliarden D-Mark sollte bei seinem Besuch in Februar 1990 in Bonn von Kohl
abgelehnt werden. Der österreichischen Initiative war es um einen reibungslosen Übergang
von der Plan- zur Markwirtschaft im mittelständischen Bereich sowie um eine Sicherung
und Hebung der österreichischen Konkurrenzfähigkeit gegangen. Zum Ost-West-Fonds siehe
auch Michael Gehler, Eine Außenpolitik der Anpassung an veränderte Verhältnisse: Öster-
reich und die Vereinigung Bundesrepublik Deutschland-DDR 1989/90, in: Ingrid Böhler / Mi-
chael Gehler (Hg.), Verschiedene europäische Wege im Vergleich. Österreich und die Bundes-
republik Deutschland 1945/49 bis zur Gegenwart, Innsbruck / Wien / Bozen 2007, S. 493–530,
hier S. 500; Franz Vranitzky, „Es gibt in der Politik sowieso keine Patentlösungen, wie auch
1989/90 keine endgültigen Lösungen möglich waren“, sowie auch Ferdinand Lacina, „Wenn
dies vielleicht auch nicht von vielen Österreichern so erlebt wurde: 1989 war natürlich ein tie-
fer Einschnitt in der Nachkriegsgeschichte“ in: Michael Gehler / Andrea Brait (Hg.), Am Ort
des Geschehens in Zeiten des Umbruchs. Lebensgeschichtliche Erinnerungen aus Politik und
Ballhausplatzdiplomatie vor und nach 1989 (Historische Europa-Studien 17/Teilband 3), Hil-
desheim / Zürich / New York 2017, S. 333–381, hier S. 349–352 und S. 449–483, hier S. 461–463.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99