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27.11.1989: Bericht Generalkonsulin Matzner Dok. 79
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stärkung erfahren, sehr zum Unmut der heimischen Kleingewerbebetreibenden.
Arbeitskräfte, die im Osten billig, weil subventioniert, wohnen und kaufen, könn-
ten
– aus DDR-Sicht illegal
– in West-Berlin, sei es „schwarz“, sei es legal, arbeiten
und so das Arbeitsplatzangebot im Westen für die rund 100.000 heimischen Ar-
beitssuchenden reduzieren. Schon im Oktober ist die Arbeitslosenrate durch den
Zustrom von Übersiedlern von 8,9 auf 9,1 % gestiegen. Soziale Probleme könnten
das rechtsradikale Potential in Berlin (West) – und Ost – verstärken. Mehr als
3 Milliarden Ost-Mark sind seit dem 9. November aus der DDR „abgeflossen“,
d. h. für Zwecke der Devisenbeschaffung über die Grenze gebracht worden. Eine
weitere Möglichkeit der – legalen – Devisenbeschaffung für DDR-Bürger ist die
Inskription an Universitäten in Berlin und der Bundesrepublik Deutschland und
sei es auch aus wahrhaftigem wissenschaftlichem Interesse (Studienbeihilfe in der
Höhe von bis zu DM 800 monatlich).
Solcher Praktiken, wie sie neben der Massenflucht 1961 zum Mauerbau führ-
ten, will die DDR-Führung durch Beschränkungen des Einkaufes im Lande, zoll-
rechtliche Maßnahmen und erforderlichenfalls Passentzug Herr werden. Ob dies,
wenn es wirksam sein soll, à la longue auch politisch durchsetzbar sein wird
hängt, wie vieles andere, davon ab, ob es gelingt, der DDR-Bevölkerung Vertrauen
in die eigene politische und wirtschaftliche Zukunft zu vermitteln.
Das Interesse, eine solche Entwicklung hintanzuhalten oder wenigsten in ver-
nünftige Grenzen zu halten, teilt grundsätzlich der Berliner Senat und drängt
daher – übrigens schon vor dem 9. November – auf eine Lösung des Devisenbe-
schaffungsproblems sowie auf rasche und kooperative Entscheidungen hinsicht-
lich der wirtschaftlichen Zukunft der DDR. Auch in diesem Punkt gibt es offene
Meinungskonflikte zwischen dem SPD-AL-Senat3 und Teilen der CDU sowie
zwischen dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper und einzelnen Mit-
gliedern der Bundesregierung, insbesondere Bundeskanzler Helmut Kohl. Die-
ser Gegensatz ist auch persönlich bedingt und dürfte daher auf Gegenseitigkeit
beruhen.
In der sich anbahnenden Entwicklung sehen aber hiesige Politiker auch die
Möglichkeit, langerhoffte und bisher kaum oder wenig realistische Pläne nicht
nur für die kommunalpolitische Entfaltung, sondern auch für die wirtschaftliche,
politische und kulturelle sowie die internationale Rolle und Bedeutung Berlins
künftig verwirklichen zu können.
Berlin könne einen wirtschaftlichen „Boom“, z. B. durch seine auch geogra-
phisch naheliegende Funktion bei der wirtschaftlichen Sanierung und Erschlie-
ßung der DDR, erfahren. Berlin könnte, wenn Handlungsbeschränkungen, die
sich aus bisher praktizierter östlicher Interpretation des Viermächtestatus erbe-
ben, wegfallen, auch politisch
– national und international
– eine wichtigere Rolle
als bisher spielen. Anzeichen für eine flexiblere Interpretation des Status gäbe es
sowohl aus Moskau als auch aus Ost-Berlin. Diese betreffen v. a. die Hinnahme
der Bindung Berlins an den Bund. Positiv wurde in diesem Zusammenhang ver-
3 AL = Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99