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27.11.1989: Bericht Generalkonsulin Matzner
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Dok. 79
merkt, dass Hans Modrow in seiner Regierungserklärung vom 17. November4
darauf verzichtet hat, den Beziehungen zu West-Berlin einen eigenen, von denen
zur Bundesrepublik Deutschland abgesetzten Abschnitt zu widmen.
Die langgehegten und -verfolgten Pläne, Berlin als „Drehscheibe“ und „Schar-
nier“ insbesondere der sich entfalteten Ost-West-Beziehungen zu machen, werden
unter den sich ändernden Verhältnissen als realisierbar erachtet. Die Ansiede-
lung internationaler Institutionen, die Abhaltung internationaler Konferenzen
und Veranstaltungen (Messe, Olympiade) könnten verwirklicht und / oder durch
Beteiligung auch der RGW-Länder attraktiver werden. Der Abschluss von Ab-
kommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und RGW-Ländern müsste
nicht länger wegen Differenzen um eine „Berlin-Klausel“ verzögert oder verhin-
dert werden.
Symptomatisch für die neue Entspannung auch im offiziellen Umgang zwi-
schen beiden Teilen der Stadt war das Procedere beim Besuch Herrn Bundeskanz-
ler Vranitzky am 24.11.d. J.:5 Eine Limousine des DDR-Protokolls mit Ost-Berli-
ner Nummer, beflaggt mit österreichischen Fahnen, eskortiert von West-Berliner
Polizei und Sicherheitsdienst brachte den Herrn Bundeskanzler zu seinem Termin
bei Momper und von dort bis zum Grenzübergang beim Schönefelder Flughafen.
Nicht nur in der Frage der Taktik bei der Lösung praktischer Fragen und deren
Finanzierung manifestierten sich Meinungsunterschiede innerhalb und zwischen
politischen Parteien derzeit deutlicher als sonst. Die Hauptdifferenz z. B. zwi-
schen dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper (SPD) und Bundeskanzler
Dr. Helmut Kohl betrifft zumindest verbal die Frage der Zweistaatlichkeit bzw.
der „Wiedervereinigung“. Momper lehnt das, was er „Wiedervereinigungsgequat-
sche“ nennt, entschieden als schädlich ab, fordert von Bonn rasche, und nicht erst
nach Erfüllung gewisser, weitgehend bereits zugesagter, demokratie- und wirt-
schaftspolitischen Bedingungen zu leistende Hilfe für die DDR. Manchen Kräf-
ten in CDU und CSU unterstellt er Ignoranz, Säumigkeit und sogar die böse Ab-
sicht, die DDR zwecks Übernahme der Konkursmasse „aushungern“, „den Laden
gegen Null laufen lassen“ zu wollen. Er kann dabei z. B. auf Aussagen des CDU-
Generalsekretärs Volker Rühe verweisen, der am Ziel der „Wiedervereinigung“
z. B. in dem in Fotokopie beiliegenden Interview mit der „Berliner Morgenpost“
vom 24.11.d. J.6 keinen Zweifel lässt. Der relativ ergebnislose Verlauf des ersten
Besuchs von Kanzlerminister Seiters in Ost-Berlin verstärkt Mompers Misstrauen
über Bonner politische Absichten.7 Der „Bonner Ton“ sei laut Momper heute
manchmal „ganz schön großdeutsch“. Momper sieht darin auch einen Vorboten
des Bundestagswahlkampfes. Momper verweist auf die Tatsache, dass weder die
4 Für die Regierungserklärung Modrows vom 17. November 1989 siehe Dok. 77, Anm. 4 und
Dok. 78, Anm. 9.
5 Siehe Dok. 78.
6 Vgl. Rühe: Voreilige Hilfszusagen wären ein Fehler, in: Berliner Morgenpost, 24. November
1989, 18.
7 Seiters war am 20. November 1989 zu Sondierungsgesprächen in Ost-Berlin gewesen. Siehe
Dok. 75.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99