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27.11.1989: Bericht Generalkonsulin Matzner
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Dok. 79
Politkern und Behörden – und mit sowjetischen Diplomaten. Ein sowjetischer
Protest gegenüber der DDR (wie er in der New York Times gemeldet worden sein
soll) betreffend die Art und Weise der Öffnung der Mauer (laut dieser Meldung
ohne Vorinformation der sowjetischen Stellen) sei ihnen unbekannt. Über ihre
–
ha. von gutinformierten Kreisen beobachtete, eigene Verärgerung über die Öff-
nung der bisher ausschließlich alliierten Bewegungen vorbehaltenen Glienicker
Brücke nach Potsdam für den allgemeinen Besucherverkehr schweigen sie. Auch
der bisher militärischen, diplomatischen, konsularischen und sonstigen Auslän-
dern vorbehaltene „Checkpoint Charlie“ ist für Besucher aus der DDR (und West-
Berliner) geöffnet worden. Die übrigen, auch die neuen, Übergänge können je-
doch von der erstgenannten Personengruppe nur wie bisher benutzt werden, d. h.
mit wenigen Ausnahmen (z. B. Glienicker Brücke, Bahnhof Friedrichstraße) gar
nicht (während bis 1961 zumindest die Militärmissionen alle damals vorhande-
nen Übergänge unkontrolliert benutzen konnte). Hier steht – von den Schutz-
mächten zugestanden
– eine Regelung aus, zumal die Rechte der Alliierten auf un-
gehinderte Bewegungsfreiheit in ganz Berlin nicht rechtlich, aber praktisch (lange
Wartezeiten an den wenigen möglichen Übergängen) beeinträchtigt erscheinen.
Nicht auf der Tagesordnung steht auch für die Alliierten die Frage einer
„Wiedervereinigung“, wie der britische Außenminister Douglas Hurd anlässlich
seines kürzlichen Berlin-Besuch offiziell bestätigt.12 Darin und in dem Wunsch
nach einer ruhigen, stabilen und friedlichen Entwicklung in und um Berlin wis-
sen sie sich mit der Sowjetunion eins (Gorbatschow habe dies brieflich nach der
Öffnung der Mauer Präsident Bush und Premierministerin Thatcher gegenüber
geäußert).13 Was die „Berlin-Initiative“14 anlangt, warte man noch immer auf
eine sowjetische Reaktion (vgl. Ber. Zl. 186-Res/88 v. 3.10.88).15 Aber man rechne
z. B. nicht damit, dass die Sowjetunion an den Beratungen der Alliierten Kom-
12 Der britische Außenminister Douglas Hurd besuchte am 15. und 16. November 1989 Berlin
und Bonn. Siehe dazu Dokument 52, in: DBPO III / VII: German Unification.
13 Am 10. November 1989 wandte sich Gorbatschow an Thatcher, Mitterrand und Bush und
warnte vor einer Destabilisierung der Lage in Berlin nach dem Fall Mauer. Siehe: Mündliche
Botschaft Michail Gorbatschows an Präsident François Mitterrand, Premierminister Marga-
ret Thatcher und Präsident George Bush, 10. November 1989 (= Dokument Nr. 29), in: Hans-
Hermann Hertle, Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates,
Wiesbaden, 1999, S. 539.
14 Am 29. Dezember 1987 übergaben die drei West-Alliierten durch den französischen Botschaf-
ter in Moskau an die Sowjetunion ein Memorandum mit der „Berlin-Initiative“. In diesem sehr
allgemein gehaltenen Text kommt der Wunsch nach Gesprächen mit der Sowjetunion über
den Luftverkehr von und nach Berlin, die Abhaltung internationaler Konferenzen in Berlin
(West) und in der gesamten Stadt und über den Sport- und Jugendaustausch zwischen den
Stadthälften zum Ausdruck. Auch die Austragung von gemeinsamen Olympischen Spielen
wurde genannt, siehe Gesandter Wolfgang Loibl an BMAA, Bonn, 19. Februar 1988, BMEIA,
ÖB Bonn, RES-1988 (2–5), Karton 56.
15 Damals wurde auf Basis einer Presseaussendung und eines Interviews mit dem Regierenden
Bürgermeister Eberhard Diepgen in der Berliner Morgenpost vom 2. Oktober 1988 berichtet.
Die sowjetische Antwort auf die „Berlin-Initiative“ (Anm. 14) wurde seitens des West-Alli-
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99