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27.11.1989: Bericht Generalkonsulin Matzner Dok. 79
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mandanturen, die sie 1948 verlassen hat,16 wieder teilnehmen könnte. Auf andere
Weise stehe man jedoch in „enger Verbindung“ mit den Sowjets. Für die er-
wünschte Stabilität sei zweifellos die weitere wirtschaftliche Entwicklung in der
DDR maßgebend, ein möglicher alliierter Beitrag dazu könne erst nach Einschät-
zung der kommenden Entwicklung formuliert werden. Diesbezüglich sei man
auch mit der Bundesregierung in Verbindung, welcher dabei eine wesentliche
Rolle zukomme.
Faktisch scheinen die Alliierten derzeit in die Rolle von wohlwollenden Zu-
schauern versetzt; die Initiative liege bei den Deutschen, die diese bislang aller-
dings mit Umsicht und Rücksicht auf die Alliierten wahrzunehmen scheinen.
Doch wie wird die Lage in und um Berlin künftig sich darstellen? Welche Sze-
narien besitzen Regierungswahrscheinlichkeit? Wie stellen sich dann Präsenz
und Rolle der Alliierten dar?
Selbst ohne staatliche „Wiedervereinigung“ ist z. B. in absehbarer Zukunft eine
Situation vorstellbar, in der Berlin (West) als Land der Bundesrepublik unum-
schränkt anerkannt werden kann, mit offenen Grenzen mitten in einer poli-
tischen und wirtschaftlichen sich reformierenden DDR liegt. Selbst wenn dann
noch die Militärpakte existieren, beide deutsche Staaten unterschiedlichen Pak-
ten angehören und sowjetische Truppe in der DDR stehen, müsste sich spätestens
dann die Frage der Rolle der westlichen Schutzmächte neu stellen. Wie sollte z. B.
ein derart vom theoretischen Feind unbefestigt umschlossenes Land verteidigt
werden? Wie könnten unerwünschte Personen wie bisher von ihm ferngehal-
ten werden? Wie könnten die Präsenz, der Handel mit bisher verbotenen Gütern
(z. B. solchen, die der Produktion von Waffen dienen) und der Export von
KOCOM-Waren17 in die DDR verhindert werden? Wie wird sich die Bevölkerung
unter solchen Lebensbedingungen zu alliierten Manövern und Schießplätzen
stellen? Die US-Radiostation verkündet derzeit den Soldaten, dass ihre Mission
„dieselbe“, trotz der neuen freundlichen Gesichter aus dem Osten, die US-Armee-
zeitschrift berichtet über „worst-case-scenarios“ möglicher allgemeiner Streit-
kräftereduzierung des Pentagon.
Die Alliierten haben schon in der Vergangenheit erklärt, so lange bleiben zu
wollen, als es die Sicherheit Berlins erfordert und es die Berliner wünschen. Mit
einiger Sicherheit lässt sich sagen, dass die drei westlichen Alliierten ohne Abzug
ierten als „leider negativ und unkonstruktiv“ bezeichnet. Generalkonsulin Gabriele Matzner
an BMAA, Berlin (West), 3. Oktober 1988, Zl. 186-RES/88, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1988,
Karton Res-Berichte 1988.
16 Die Alliierte Kommandantur war jene Einrichtung, mit der die vier Besatzungsmächte USA,
Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion den Großraum Berlin kontrollierten. Am
16. Juni 1948 zog der sowjetische Vertreter aus. Die Kommandantur blieb jedoch bestehen,
konnte ihre Anordnungen jedoch nur noch in den drei westlichen Zonen durchsetzen. Of-
fiziell beendete die Kommandantur am 15. März 1991 mit dem Inkrafttreten des Zwei-plus-
Vier-Vertrags ihre Tätigkeit.
17 Korrekt: CoCom. Siehe Dok. 23, Anm. 18.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99