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30.11.1989: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl Dok. 83
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kapital kommen müssen, muss DDR insbesonders Voraussetzung für Joint Ventu-
res, Investitionsschutz und Gewinntransfermöglichkeiten schaffen.
Am interessantesten ist Punkt 5 (siehe FAZ), wo BK an Modrows „Vertrags-
gemeinschaft“5 anschließt:
Formulierungen scheinen konkret, lassen aber alles offen:
1. „Konföderative Strukturen“ sind noch keine Konföderation, auch keine Wie-
dervereinigung: besorgte Nachbarn könnten (wenn sie wollen) aufatmen.
2. Für Einheitssuchende wird gleichzeitig das – lang- oder längerfristige –
„Ziel, danach eine Föderation“ zu schaffen, formuliert.
3. Alles wird abhängig gemacht von „wenn die Menschen in Deutschland sie
wollen“, also Selbstbestimmungsrecht: dieser Wille ist heute noch nicht bekannt,
insbes. nicht für die DDR. Klar ist dort nur, dass man das bestehende System be-
seitigen will – nicht aber, wodurch es ersetzt werden soll. Im Falle weiteren wirt-
schaftlichen Niedergangs könnte freilich Wiedervereinigung zuletzt als einzig
möglicher Ausweg erscheinen.
Auch Meinungsumfragen in der BRD-Bevölkerung mit Mehrheit für Wieder-
vereinigung sind zu undifferenziert für verlässlichen Aussagewert: BRD-Bevöl-
kerung wird sich nämlich langsam auch möglicher Belastungen durch DDR (Be-
zahlung von DDR-Urlaubsreisen, Arbeitsplatzdruck usw.) bewusst. Und Frage ist
gestattet, ob Wiedervereinigung mit traditionell sozialistischen Hochburgen wie
Sachsen und Thüringen nicht einer SPD-Grünen-Koalition strukturelle Mehr-
heit verschaffen könnten, was nicht im Interesse gegenwärtiger Bundesregierung
liegen könnte.
Inwieweit Erklärung des Bundeskanzlers über BRD-Innenpolitik hinaus etwas
bewirken wird, ist angesichts unkontrollierbar erscheinender Volksbewegung in
der DDR ungewiss: Bundesregierung ist in ihrer Haltung in Wirklichkeit abhän-
gig von der DDR-Entwicklung und kann schon deshalb schwer wissen, was sie
selbst konkret tun kann oder soll. Spiel auf Zeitgewinn deshalb nützlich: Aller-
dings werden als Voraussetzung geforderte DDR-Wirtschaftsreformen vermutlich
länger brauchen, womit DDR-Situation entgegen Wunsch der Bundesregierung
sich weiter destabilisieren könnte (BKA bezweifelt z. B., dass SU ihre Energieliefe-
rungs-Zusagen an die DDR halten kann. Hinzu kämen drastisch verschlechterte
terms of trade für DDR im Handel mit SU).
Möglicherweise zur Beruhigung der Verbündeten und als Versuch zur Be-
ruhigung erregter BRD-Öffentlichkeit gedachte Erklärung (Konföderation nach
DDR-Reformen, mit dem Ziel eines Bundesstaates also langfristig gedachte Ent-
wicklung) könnte freilich bisher in der DDR scheinbar nicht im Vordergrund ste-
5 Unter Punkt fünf hatte Kohl einleitend ausgeführt: „Wir sind auch bereit, noch einen entschei-
denden Schritt weiterzugehen, nämlich konföderative Strukturen zwischen beiden Staaten
in Deutschland zu entwickeln mit dem Ziel, danach eine Föderation, das heißt eine bundes-
staatliche Ordnung in Deutschland zu schaffen.“ Dies war eine eindeutige Bezugnahme auf
die „Vertragsgemeinschaft“ in Modrows Regierungserklärung vom 17. November 1989 (siehe
dazu Dok. 77, Anm. 4 und Dok. 78, Anm. 9).
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99