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30.11.1989: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl
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Dok. 84
BK vermied lt. Gesprächspartner bewusst „Konföderation“, obwohl Medien und
Ausland den Kanzler damit zitierten. Redenschreiber dachten ursprünglich an
„kooperative“ oder „integrative“ Strukturen, hätten dann aber zwecks größe-
rer Plakativität „konföderative“ gewählt. Ob nicht dennoch sprachliche Nähe zu
Konföderation bewusst gewählt wurde, um z. B. Eindruck eines konkreten Pro-
grammes zu geben, muss Botschaft dahingestellt lassen.
Gründe gegen Konföderations-Begriff lt. BKA:
– ein 1956 von Ulbricht8 vorgeschlagenes Konzept (schon alleine deshalb „Ana-
thema“) als Zwischenziel zur Vereinigung war von SU Ende November 19589 auf-
gegriffen, von BRD im Jänner 1959 abgelehnt worden (nun lehnt Modrow ab!)
– Konföderation wäre staatliche Verfestigung einer selbstständigen, unab-
hängigen, souveränen DDR und könnte Wiedervereinigung (dieser Begriff nur
gedacht auf das deutsch-deutsche Verhältnis, nicht die polnischen Ostgebiete)
zuwiderlaufen.
– Voraussetzungen für Konföderation fehlen und könnten teilweise nicht ge-
schaffen werden: Staatsbürgerschaft aus Bonner Sicht unlösbar. Westberlin würde
riskieren zu „selbstständiger politischer Einheit“ zu werden. Sicherheitsfragen
unlösbar (konföderierte Staaten wären in weiterhin vorhandene Bündnisse ein-
8 Walter Ulbricht, Erster bzw. Generalsekretär der SED (1950–1971) und Vorsitzender des
Staatsrates der DDR (1960–1973), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
9 Am 26. Juli 1957 hatte der DDR-Ministerrat einen Konföderationsplan vorgelegt, wonach
Bundesrepublik und DDR
– als ersten Schritt zur Wiedervereinigung
– in einem völkerrecht-
lichen Vertrag einen Staatenbund vereinbaren sollten. Ein „Gesamtdeutscher Rat“, zu gleichen
Teilen mit Abgeordneten beider Parlamente besetzt, sollte „solche Maßnahmen empfehlen
und beschließen, die der schrittweisen Annäherung der beiden deutschen Staaten dienen“.
Vordringlich war ein Regierungsabkommen über die Anfänge einer gemeinsamen Politik in
drei Phasen vorgesehen: Zuerst Rückzug aller Atomwaffen aus Deutschland, dann Ausschei-
den Bonns und Ost-Berlins aus NATO und Warschauer Pakt sowie Vereinbarungen über die
Stärke von Volksarmee und Bundeswehr und schließlich ein Appell an die vier Siegermächte,
ihre Truppen schrittweise aus Deutschland zurückzuziehen. In einem Interview mit der Süd-
deutschen Zeitung griff SED-Chef Walter Ulbricht im Februar 1958 den Konföderations-Plan
noch einmal auf. SPD-Politiker Herbert Wehner antwortete kurz darauf im selben Blatt, daß
auch er „den Gedanken der Konföderation nicht verwerfen würde“. Dem Ulbricht-Plan setzte
er einen Wehner-Plan entgegen, der in vier Etappen zur Wiedervereinigung führen sollte. In
den drei ersten Phasen, für die er einen Zeitraum von 12 bis 15 Jahren veranschlagte, sollte
eine gesamtdeutsche Wirtschaftsgemeinschaft entstehen. In der vierten Stufe wollte Wehner
nach der wirtschaftlichen auch die staatliche Einheit erreichen, wobei er, ähnlich wie Ulbricht,
an Pläne des polnischen Außenministers Adam Rapacki anknüpfte. Ein wiedervereinigtes
Deutschland sollte in einer atomwaffenfreien Zone liegen, aus der die dort stationierten aus-
ländischen Truppen schrittweise abziehen und in der die Stärke der nationalen Streitkräfte
begrenzt werden müsste. Zur Voraussetzung dieser Prozedur machte Wehner einen „Grund-
satzbeschluss“ der vier Siegermächte über die Vier-Stufen-Lösung, die dann zwischen den
beiden deutschen Staaten ausgehandelt werden sollte. Vgl. Michael Gehler, Neutralität und
Neutralisierungspläne für Mitteleuropa? Österreich, Ungarn, Tschechoslowakei und Polen,
in: Udo Wengst / Dominik Geppert (Hg.), Neutralität – Chance oder Chimäre? Konzepte des
Dritten Weges für Deutschland und die Welt 1945–1990, München 2005, S. 105–131.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99