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30.11.1989: Bericht Botschafter Frölichsthal
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Dok. 85
Integration zwischen West und Ost nur unter der Voraussetzung der Achtung der
bestehenden Grenzen stattfinden könne“.
Zusammenfassend nahm De Michelis in einem in „Stampa Sera“ von 27.11. ver-
öffentlichten Artikel9 nochmal Stellung: Die Wiedervereinigung Europas müsse
auf der Grundlage der Achtung der Menschenrechte gemäß der Schlussakte von
Helsinki und ohne Opfer für die Sicherheit irgendeines der Beteiligten erfolgen. Es
sei dies ein Prozess, der nicht auf der Basis emotioneller Anstöße voranschreiten
könne. Auch in der Sicherheit müssen wir die Logik der Integration befolgen, die
nicht jene der Sowjetunion wäre, wenn diese
– aber dies scheint nicht die Absicht
ihrer Führungskräfte zu liegen
– auf die deutsche „Karte“ setze, um Deutschland
von Europa oder auf die europäische „Karte“ setzte, um Europa von den Vereinig-
ten Staaten zu trennen.
Nach Veröffentlichung der Kohl-Erklärung war die deutsche Wiedervereini-
gung in Italien fast ausschließlich im Rahmen des gegenwärtig stattfindenden
Gorbatschow-Besuches10 zur Sprache gekommen.
In dem Gespräch mit AM Schewardnadse stimmte De Michelis insofern mit
seinem sowjetischen Amtskollegen überein, als dieser den deutschen Revanchis-
mus als ein Risiko bezeichnete, dass auf ganz Europa laste, auch wenn heute sein
Gewicht begrenzt sei und den Entspannungsprozess nicht mehr gefährden könne.
De Michelis habe Schewardnadse gegenüber eingeräumt, dass es nach italieni-
scher Auffassung ein deutsches Problem gebe, das in der öffentlichen Meinung
sehr präsent sei. Es bedürfe großer Phantasie und Initiative, um sich diesem Pro-
blem beim Aufbau eines gemeinsamen europäischen Hauses zu stellen. Wenn
Europa von Vorurteilen und Ängsten frei sein werde, werde auch dieses Problem
diskutiert werden können.
Auch MP Andreotti11 hatte noch gestern grundsätzlich die Befürchtung der
Bedrohung durch den deutschen Revanchismus geteilt und gemeint für die Stabi-
lität Europas „seien zwei Staaten in einer deutschen Nation“ unerlässlich.12
9 Siehe dazu Dokument 102, in: Deutsche Einheit. Laut dortiger Anm. 9 ließen sich aus diesem
Artikel keine Divergenzen mit Andreotti, aber eine positivere Haltung des Außenministers
zur deutschen Einheit herauslesen.
10 Michail Gorbatschow besuchte vom 29. November bis 1. Dezember Italien. Im Rahmen des
Besuchs traf er auch Papst Johannes Paul II. im Vatikan. Siehe die Dokumente 57 und 58 in:
Michail Gorbatschow und die deutsche Frage; und Gespräch mit Papst Johannes Paul II. am
1. Dezember 1989 in Rom, in: Michail S. Gorbatschow, Gipfelgespräche. Geheime Protokolle
aus meiner Amtszeit, Berlin 1993, S. 131–142.
11 Giulio Andreotti, Ministerpräsident Italiens (1989–1992), siehe Personenregister mit Funk-
tionsangaben.
12 Andreotti hatte seine distanzierte Haltung zur deutschen Einheit am 26. November in einem
Interview mit dem Corriere della Sera bekräftigt. Bereits im September 1984 hatte er in einem
kontrovers aufgenommenen Interview betont: „Es gibt zwei deutsche Staaten und zwei sollen
es auch bleiben.“ Siehe: La Repubblica, 16. September 1984, S. 3.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99