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6.12.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger Dok. 88
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Entgegengekommen ist die Seite der BRD der DDR bei der Verrechnung der
gegenseitig erbrachten Leistungen im Eisenbahnpersonenverkehr: In den Jah-
ren 1990 und 1991 wird der Betrag des Minussaldos der Deutschen Reichsbahn,
der 35 Millionen Verrechnungseinheiten pro Jahr übersteigt, von der Deutschen
Bundesbahn zu jeweils 75 % und von der Deutschen Reichsbahn (DDR) zu jeweils
(nur) 25 % getragen.
Wiederum als Gegenzug der DDR kann verstanden werden, daß sich diese
bereit erklärt, die Einzahlung für den Transfer von Guthaben (in die BRD) in be-
stimmten Fällen in den Jahren 1990 und 1991 von 70 Millionen DM auf jährlich
100 Millionen DM zu erhöhen. Darüber hinaus wird zu Beginn 1990 ein einma-
liger Betrag von 60 Millionen DM eingezahlt.
Fast sensationell mutet auch die Zusage der DDR an, „in Anbetracht der Tat-
sache, daß die Bundesrepublik Deutschland von Reisenden aus der Deutschen De-
mokratischen Republik keinen Sichtvermerk verlangt“, die Sichtvermerkspflicht
für Personen mit amtlichem Personaldokument der Bundesrepublik Deutschland
und Berlin (West) aufzuheben. Ja, es entfallen sogar polizeiliche An- und Abmel-
dungen bei einem Aufenthalt bis zu 30 Tagen. Einreiseverbote seien mit wenigen
Ausnahmen aufgehoben worden.
Zur Erleichterung des Transitverkehrs zwischen Westberlin und der BRD
stimmte die DDR ab 1.1.1990 zu, den westlichen Berliner Autobahnring für den
Transitverkehr zuzulassen.
Ab 1.1.1990 wird die DDR noch bestehende Einfuhrverbote für Gebraucht-
waren, Fernseh- und Videogeräte, Videokassetten und Vervielfältigungsgeräte
aufheben und mit Ausnahme von Kraftfahrzeugen keine Einfuhrgebühren mehr
erheben.
Verstärkt und beschleunigt will man Gespräche über die Zulassung von ge-
mischten Gesellschaften sowie über den verstärkten Ausbau des Tourismus, die
Intensivierung der Zusammenarbeit beim Umweltschutz, den Bau einer Eisen-
bahnschnellverbindung zwischen Hannover und Berlin fortführen bzw. unver-
züglich aufnehmen.
Gerade in der für DDR-Bürger so wichtigen Frage der Auslandsreisen und hier
vor allem in die BRD mußte auch für die dafür notwendigen Zahlungsmittel eine
Regelung gefunden werden. Die zweijährige Übergangslösung eines gemeinsa-
men Fonds ist daher von beiden Seiten zu begrüßen. Fraglich ist allerdings, ob
die BRD so massiv und so umgehend eine touristische Öffnung der DDR für die
Staatsangehörige der BRD verlangen mußte. Bei der gegenwärtig sehr angespann-
ten Situation im Lande, der für einen größeren Ansturm total unzureichenden
Infrastruktur der DDR, muß man diesem 1. Jänner mit etwas gemischten Ge-
fühlen entgegensehen. Nach einer Wartezeit von fast 45 Jahren wäre es dieser
wirtschaftlich starken BRD wohl nicht darauf angekommen, auch im eigenen
und sogar im „konföderativen“ Interesse für den visafreien Zugang in die BRD
noch etwas zuzuwarten. Ein kontrollierter und schrittweiser Übergang für diesen
deutsch-deutschen visafreien Zugang hätte stabilisierend auf die sich praktisch
täglich ändernden Verhältnisse in der DDR wirken können. Bundeskanzler Kohl
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99