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7.12.1989: Bericht Gesandter Lassmann
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Dok. 90
fanden mit den Blockpartei-Vorsitzenden de Maizière6 und Gerlach7 sowie dem
katholischen Bischof von Berlin,8 Vertretern der lutherischen Kirche und Ange-
hörigen der Humboldt-Universität statt.
Von einem Mitglied der belgischen Delegation waren hiezu noch folgende
Kommentare zu hören:
1. SED-Gesprächspartner seien sehr selbstsicher aufgetreten, hätten sich aber
teilweise einer noch sehr aggressiven-ideologischen befrachteten Sprache bedient
(Krenz). Betont worden seien die Unumkehrbarkeit des Reformprozesses, der „so-
zialistische“ Charakter der Gesellschaft (angeblich ein „Wusch der Massen“) und
die nationale Souveränität. Modrows Sprache sei etwas flexibler gewesen. Fischer
habe das Interesse an einer Zusammenarbeit mit der EG unterstrichen.
2. Glaubwürdigkeitsdefizite bei den Blockparteien, weshalb sie auch keine Trä-
ger authentischer Opposition seien. Plädoyer de Maizière für Aufrechterhaltung
des sozialistischen Systems, ausweichende Antwort Gerlachs.
3. Alle Gesprächspartner hätten den Eindruck vermittelt, dass sie den 10-Punkte-
Plan BK Kohls9 wie ein „Ultimatum“ empfänden. (AM Eyskens habe seinerseits
sehr viel Sympathie für die Idee einer Vertragsgemeinschaft zwischen der BRD
und der DDR, da sie ihm für seine eigenen Überlegungen hinsichtlich des Ver-
hältnisses der EG zu anderen europäischen Staaten (Föderation / Konföderation)
modellhaft erscheine.)
4. Die diversen Formationen der Opposition seien für eine tatsächliche Beteili-
gung an der Regierungsverantwortung völlig unvorbereitet, orientierungslos und
ahnungslos hinsichtlich der Wirkungsweise marktwirtschaftlicher Mechanismen.
Die SED-Führung, sofern noch vorhanden, setze vorerst auf Zeitgewinn und sei
zuversichtlich, die oppositionellen Strömungen in irgendeiner Form wiederum
kanalisieren zu können. Im belgischen Außenministerium äußert man diesbe-
züglich jedoch Zweifel und verweist auf die anhaltenden Massendemonstratio-
nen. Auch bezüglich der Anfüllung der „Worthülsen“ im Aktionsprogramm der
SED10 und in der Regierungserklärung Modrows11 zeigt man sich hier vorerst
abwartend-skeptisch.
Lassmann
6 Lothar de Maizière, CDU-Vorsitzender in der DDR (1989/90), siehe Personenregister mit
Funktionsangaben.
7 Manfred Gerlach, Vorsitzender der LDPD (1967–1990), siehe Personenregister mit Funktions-
angaben.
8 Georg Sterzinsky, Bischof bzw. Erzbischof des Bistums Berlin (1989–2011), siehe Personen-
register mit Funktionsangaben.
9 Siehe Dok. 80.
10 Das „Aktionsprogramm“, in dem sich die SED noch an ihr Machtmonopol klammerte, wurde
auf der 10. Tagung des ZK der SED vom 8. bis 10. November am Tag nach der Grenzöffnung
vorgestellt und diskutiert. Vgl. dazu: „Schritte zur Erneuerung
– Aktionsprogramm der SED“,
in: Neues Deutschland, 11./12. November 1989, S. 1–2. Zur parteiinternen Diskussion am
10. November siehe: Das Ende der SED, S. 380–437.
11 Für die Regierungserklärung Modrows vom 17. November 1989 siehe Dok. 77, Anm. 4 und
Dok. 78, Anm. 9.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99