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18.12.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger und Gesandter Graf Dok. 97
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Dok. 97: Bericht. Der außerordentliche Parteitag der SED (I), 18.12.1989
Botschafter Franz Wunderbaldinger und Gesandter Lorenz Graf an BMAA, Berlin (Ost), 18. Dezember 1989, Zl. 330-
Res/89, BMEIA, ÖB Berlin (Ost), RES-1989 (1–10), Karton 241
SED-PDS: Bruch und Neubeginn
Mit Teil II hat die SED-PDS am Sonntag ihren außerordentlichen Parteitag abge-
schlossen.2 Der Vorsitzende Gregor Gysi erläuterte in seinem Referat die Gründe
der Beibehaltung des Teils des früheren Parteinamens SED: man wolle sich nicht
aus der Verantwortung stehlen und man stelle sich der Pflicht für dieses Land,
das Heimat ist. Man müsse kämpfen, dass kein politisches Vakuum entsteht, das
rechte Kräfte besetzen können. Die Verlängerung des Kürzels auf Partei des de-
mokratischen Sozialismus wurde in einer geschlossenen Sitzung durch die Dele-
gierten entschieden.
In dem auf dem außerordentlichen Parteitag beschlossenen vorläufigen Status
bezeichnet sich die SED-PDS als marxistische, sozialistische Partei, die für eine
ausbeutungsfreie Gesellschaft und für das Recht auf Arbeit eintrete. Ihre Haupt-
wurzeln lägen in der kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeiterbewe-
gung. Ihr Ziel sei ein rechtsstaatlicher, menschlicher, demokratischer Sozialismus
in der DDR als Alternative zum Kapitalismus. Die Partei verzichtet auf eine Füh-
rungsrolle und nennt sich gleichberechtigt neben anderen Parteien.
Die Namenergänzung der SED ist vorläufig. Vor einer endgültigen Entschei-
dung sollen alle Mitglieder befragt und das neue Parteigesetz abgewartet werden.
Mit dem Doppelnamen bekenne sich die Partei zu ihrer Geschichte, aber auch
zum Neubeginn.
Als Beginn des Wahlkampfes will die SED-PDS eine Partei des Kampfes um
soziale Sicherheit werden. Sie trete für hohe Wirtschaftlichkeit ein, aber nicht Zu-
lasten der sozialen Sicherheit.
Die deutsche Vereinigung müsse in eine europäische Einigung einmünden.
Wer jetzt einen deutschen Sonderweg wolle, spielt bewusst oder unbewusst mit
dem Feuer. Großdeutschland wäre ein Sieg der Rechten und würde die Linken an
den Rand der Gesellschaft bringen einschließlich der Sozialdemokraten.
Die neue (alte)
Partei lehne ideologische Feindbilder und Maßerziehung ab. Bei
positiven Ergebnissen der Wiener Abrüstungsverhandlungen könnte die Wehr-
dienstzeit auf 15 oder sogar auf 12 Monate reduziert werden.
Die Partei tritt für die Wiederherstellung der früheren (fünf) Länder in der
DDR ein, da dadurch der Apparat abgebaut werde und die Verwurzelung mit ih-
1 Der Bericht erging als Depesche in Ziffern Nr. 25149 an das BMAA und war für die Sektion II,
das Generalsekretariat und das Kabinett des Bundesministers bestimmt.
2 Für das Wortprotokoll der Beratungen am 16./17. Dezember 1989 siehe: Lothar Hornbogen /
Detlef Nakath / Gerd-Rüdiger Stephan (Hg.), Außerordentlicher Parteitag der SED / PDS. Pro-
tokoll der Beratungen am 8./9. und 16./17. Dezember 1989 in Berlin, Berlin 1999, S. 172–380.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99