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18.12.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger und Gesandter Graf
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Dok. 97
rem Land herbeigeführt werde. Es werde dadurch Verantwortung geteilt und es
würde zu mehr Demokratie in den Kommunen kommen.
In der neuen Verfassung könnte statt des bisherigen Staatsrates ein Präsident
vorgesehen werden, der eine Integrationsfigur für das Land sein müsste.
Bitter wurde am Parteitag vermerkt, dass die SPD mit fliegenden Fahnen von
der früheren SED abgerückt und zur SDP übergelaufen sei. Die SED-PDS, die sich
vom Stalinismus total lossagt habe, werde von der SPD fallengelassen, während
diese vorher mit der alten Führung um Honecker intensiv verkehrte.
Durch die praktische Reisefreiheit und die vorhergesehene wirtschaftliche Zu-
sammenarbeit mit der BRD drohe ein wirtschaftlicher Ausverkauf. Diesem wolle
die Partei entgegentreten durch eine sinnvolle Bindung des Kaufkraftüberhanges
ohne Abwertung der DDR-Mark, die vor allem kleine Sparer treffe. Zu diskutieren
wären neue Möglichkeiten zum Kauf von Grundstücken, Eigenheimen, Eigen-
tumswohnungen bis hin zum Erwerb von Aktien.
Das Eigentümerbewusstsein und -verhalten müsse verstärkt werden, indem
die Arbeiter mehr Einfluss auf das Gestalten der Produktionsstrukturen, Arbeits-
und Lebensbedingungen erhalten.
Die Volkswirtschaft müsse sich außenwirtschaftlichen stärker öffnen, wobei
jedoch die UdSSR der wichtigste Handelspartner bleibt und ist. Bei Kooperation
mit westlichen Parteien solle es keine einseitige Bindung an ein Land, sondern
vielfältige Geschäftsbeziehungen geben.
Eine Reform der Preis- und Subventionspolitik darf nicht Zulasten sozialer Er-
rungenschaften gehen.
Durch Teil II dieses außerordentlichen Parteitages scheint die in Kürzelnamen
verlängerte SED-PDS noch einmal über die Runde gekommen zu sein. Der Bruch
mit der stalinistischen Vergangenheit ist augenfällig und umfassend. Die Aufar-
beitung der Vergangenheit steht jedoch erst am Beginn. Der Zusatz PDS springt
ins Auge als Betonung des demokratischen Elementes der Partei, hat darüber
hinaus jedoch auch eine wichtige praktische Bedeutung: das Vermögen der frü-
heren SED wird wohl in den nächsten Monaten zur Aufteilung kommen müssen.
Eine gänzlich neue Partei hätte bei diesem Verteilungskampf wohl einen schlech-
ten Stand.
Die Delegierten des Parteitages machten doch den Eindruck, als hätten sie wie-
der Hoffnung geschöpft und als sei der Neubeginn geschafft worden. Sie werden
in ihre Kreise zurückgehen und ab heute versuchen, die Basis und mit der Basis
als Wahlkampfpartei Kreise der Bevölkerung zu mobilisieren. Sie alle wissen, an
welch schwerer Last der Vergangenheit sie zu tragen haben. Gleichzeitig sind sie
sich aber auch bewusst, dass es keine andere Partei oder demokratische Bewegung
im Land gibt, die auch nur annährend so viel organsierte Kraft in sich vereinigt,
wie die SED-PDS. Eine gewisse Stimmung von „jetzt erst recht“ scheint sich breit
zu machen, die der neuen (alten) Partei die Kraft geben könnte, im bereits begon-
nenen Wahlkampf zu bestehen.
Wunderbaldinger / Graf
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99