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21.12.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger
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Dok. 101
Es wurde der Grundstein zur Vertragsgemeinschaft beider deutschen Staaten
gelegt. Zwar werden in diesem Vertrag, der nach dem Willen beider Verhand-
lungspartner noch vor dem 6. Mai (voraussichtlicher Wahltag4) abgeschlossen
werden soll, die konföderativen Strukturen des 10-Punkte-Plans Kohls noch nicht
enthalten sein, er zeigt aber große Übereinstimmung, zu der nicht nur das Ja
des Bundeskanzlers zur Stabilisierung der DDR, sondern auch die Bereitschaft
Modrows gehört, das Selbstbestimmungsrecht der Völker und alle anderen in der
KSZE-Schlussakte festgehaltenen Prinzipen zu achten. Da oppositionelle Grup-
pen, wie der Demokratische Aufbruch, Gruppe der 20, Demokratie Jetzt sowie
einige Künstler und Rektoren Bedenken äußerten, ob mit der Hilfe an die DDR
nicht bis zur Wahl einer demokratisch legitimierten Regierung gewartet werden
sollte, soll die angestrebte Vertragsgemeinschaft zwischen der BRD und der DDR
nicht nur in der Volkskammer diskutiert werden, sondern auch die Zustimmung
des „Runden Tisches“, an dem diese Gruppen vertreten sind, finden.
Im Rahmen des Treffens der beiden Regierungschefs unterzeichneten die Wirt-
schaftsminister ein Kooperationsabkommen und eine Vereinbarung über die
Bildung einer gemischten Kommission zur weiteren Entwicklung der Wirtschafts-
beziehungen. 11 Kommissionen und Fachgruppen wurden vereinbart, u. a. Ener-
gie, Tourismus, Schutz der Umwelt, Sicherheit in Atomkraftwerken, Ausbau des
Telefon- und Telekommunikationssystems in der DDR, Rechtshilfe und Rechts-
schutz, kulturelle Zusammenarbeit und wechselseitige Förderung des Vertriebes
und Bezuges von Zeitungen und Zeitschriften sowie Verbreitung von Rundfunk-
und Fernsehprogramm. Diese Arbeitsgruppen werden schon im Jänner 1990 ihre
Arbeit aufnehmen. Für 13./14.1. werden Großunternehmen wie Daimler-Benz,
VW, Thyssen und Preussag in der DDR über Joint Ventures verhandeln und für
Mitte Februar ist ein Treffen von Vertretern der DDR-Wirtschaft mit kleinen und
mittleren Unternehmen aus der BRD vorgesehen. Durch Auf stockung der zins-
günstigen ERP-Programme5 um 2 Milliarden DM sollen günstige Kreditfinanzie-
rungen in der Höhe von 6 Milliarden DM ermöglicht werden.
4 Der zunächst beabsichtigte Wahltermin für die Volkskammerwahlen am 6. Mai 1990 wurde
schließlich auf 18. März 1990 vorverlegt.
5 Das European Recovery Program (ERP), oder auch Marshall-Plan, war ein Wiederaufbaupro-
gramm der USA für Europa. Aus den D-Mark-Gegenwerten der Marshallplanhilfe entstand
das ERP-Sondervermögen. Grundlage hierfür war das Gesetz über die Verwaltung des ERP-
Sondervermögens vom 31. August 1953 (BGBI. I, S. 1312). Die Gelder werden in der Regel als
langfriste Kredite mit günstigen Zinssätzen vergeben. Dabei flossen die Tilgungsleistungen
und Zinsen dem Sondervermögen wieder zu. Im Zuge der deutschen Einigung wurden die
Mittel des Sondervermögens ab 1990 zunehmend für Finanzhilfen an das Gebiet der (ab
3. Oktober 1990 ehemaligen) DDR verwendet. Artikel 31 des Gesetzes zur Schaffung der Wäh-
rungs-, Wirtschafts-, und Sozialunion vom 25. Juni 1990 (BGBl. 1990, II, S. 518) führte zur
Bildung eines Fonds, der die möglichst rasche Angleichung des Lebensniveaus in den neuen
Bundesländern an jenes der alten zum Ziel hatte.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99