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21.12.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger Dok. 101
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Nach der Entscheidung der Volkskammer über die Wirtschaftsreformen wol-
len beide Regierungen auch Verhandlungen über ein Investitionsschutzabkom-
men aufnehmen.
Vereinbart wurde auch die Freilassung aller politischen Gefangenen, nach
Mög lichkeit noch bis zum 24.12.
Modrow verbürgt sich schließlich für die Unumkehrbarkeit der Reformen in
der DDR, freie Wahlen für eine Wirtschaftsreform, die sich an Marktbedingun-
gen orientieren wird. Kohl stellt schließlich die Auflösung der Erfassungsstelle in
Salzgitter in Aussicht.
Beide Politiker machten die deutsch-deutschen Interessen an der Abrüstung
und Rüstungskontrolle deutlich und stimmten überein, dass diese mit der poli-
tischen Entwicklung Schritt halten müssen, um positive Prozesse in Europa dau-
erhaft zu machen.
Trotz dieses deutsch-deutschen Akkords war die gesamteuropäische Konkor-
danz, die sowohl Kohl als auch Modrow anstimmten, nicht zu überhören. Beide
beschworen die Stabilität in Europa, beide beriefen sich auf den Helsinki-Prozess
und beide setzten sich für einen KSZE-Gipfel 1990 ein.
Gerade wegen des überschwänglichen Empfangs Kohls in Dresden und den
nicht überhörbaren Rufen und Drängen nach Einheit machten beide Politiker
klar, dass Reformen in sozialistischen Staaten und Stabilität in Europa nicht in
Gegensatz zueinander gebracht werden dürfen. Bundeskanzler Kohl mahnte mit
Rücksicht auf Interessen und Ängste der Nachbarn, die aufgrund historischer Er-
fahrungen von der deutschen Einheit Angst hätten, zu Geduld. Allgemein wurde
seiner Haltung Respekt bekundet.
Die Verflechtung der beiden Staaten scheint unterschwellig aber schon so ge-
diehen zu sein, insbesondere wirtschaftlich, dass die Frage der Ein- oder Zwei-
staatlichkeit im Lauf der Jahre immer mehr zu einer hypothetischen Frage wer-
den wird.
Wunderbaldinger
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99