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4.1.1990: Amtsvermerk Botschafter Schmid
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Dok. 104
Noch als Vorsitzender des EG-Rates habe Mitterrand DDR über Erteilung des
EG-Mandats für Verhandlungen über ein Kooperationsabkommen (1. Halbjahr
1990) informiert.7 (Über Ersuchen des HSL II wird Bot. Wolf bemüht sein, nä-
here Informationen über angestrebten Inhalt und Umfang dieses Abkommens
zu beschaffen.)
Folgende Abkommen seien abgeschlossen worden: wirtschaftliche und in-
dustrielle Zusammenarbeit, Doppelbesteuerung, Zusammenarbeit im Umwelt-
bereich, Jugendaustausch, weitere Kulturzentren (dzt. nur in Berlin und Paris).
Die DDR habe darüberhinaus vorgeschlagen: Wirtschaftskooperation, Investi-
tionsschutz, Erleichterungen bei SV-Erteilung, medizinische Betreuung von Rei-
senden.
Wien, am 9. Jänner 1990
Schmid
7 Siehe dazu Dok. 103, und dort auch Anm. 10 mit Verweisen auf die Vorgeschichte Dok. 80,
Anm. 4. und Dok. 81. Die Verhandlungen der EG-Kommission mit der DDR über ein Han-
dels- und Kooperationsabkommen begannen am 29. Jänner 1990. Am 13. März wurde es
paraphiert. Am 16. März – zwei Tage vor der Volkskammerwahl – schlug die Regierung Mo-
drow (die am 18. März abgewählt werden sollte) die Eröffnung von Gesprächen über einen
Vollbeitritt der DDR zur EG vor. Am 8. Mai 1990 fand zwar die feierliche Unterzeichnung
des Handels- und Kooperationsabkommens statt, doch war dieses bereits von der inzwischen
eingetretenen Entwicklung überholt. Beim Europäischen Rat in Dublin am 28. April 1990
war inzwischen eine wegweisende Vorentscheidung für die deutsche Einheit am 3. Oktober
1990 gefallen: Die zwölf Mitgliedstaaten beschlossen ihre Zustimmung zur deutschen Ver-
einigung und damit auch für die rasche Aufnahme der DDR
– praktisch zwei Monate vor dem
Vollzug der deutsch-deutschen Währungsunion am 1. Juli 1990. EG-Kommissionspräsident
Jacques Delors, der von Anfang an relativ klar für die Linie des Bundeskanzlers Helmut Kohl
und damit auch gegen die Aufnahme DDR als eigenständiges 13. EG-Mitglied eingetreten
war, erklärte am 16. Mai 1990 im Europäischen Parlament, dass die einstimmige und un-
eingeschränkte Billigung der deutschen Einigung durch den Europäischen Rat „ein Grund
zur Zufriedenheit aller ersten Ranges“ wäre. Am 1. Juli 1990 wurde die deutsch-deutsche
Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion in Kraft gesetzt. Unter dem stellvertretenden Ge-
neralsekretär der EG-Kommission, dem Niederländer Carlo Trojan, wurde über Sommer 1990
unter Hochdruck daran gearbeitet, die neuen Gesetze für die ostdeutschen Bundesländer aus-
zuarbeiten: die vier Freiheiten des Binnenmarkts, Leistungen für den Fonds für Regional- und
Sozialpolitik sowie für die Landwirtschaft.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99