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9.1.1990: Abschlussbericht Botschafter Wunderbaldinger
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Dok. 105
Auch der ständige Zwang, dem er ausgesetzt war, überall wachte der Staatssicher-
heitsdienst, der Bürger konnte nicht reisen, wohin er wollte, er konnte nicht lesen,
was er wollte, und er konnte nicht kaufen, was er brauchte, führte zur Explosion.
Die Entwicklung drohte außer Kontrolle zu geraten, insbesondere wenn die staat-
liche Gewalt in Verkennung der Dimension des Bewußtseinswandels weiterhin
gegen Protestierende brutal vorgegangen wäre. Es kam zu Auseinandersetzungen
im Politbüro, zu Massendemonstrationen in Leipzig (mit 70.000 und 120.000
Teilnehmern), bei denen politische Rechte, Reisefreiheit, Wirtschaftsreformen,
öffentliche Entschuldigung für Polizeiübergriffe und Bestrafung der Schuldigen,
Zulassung des „Neuen Forums“ und anderer Oppositionsgruppen und letztlich
freie Wahlen gefordert wurden. Auch die Zahl der über Ungarn in den Westen
Ausreisenden stieg wieder an, das Mißtrauensvotum gegen die SED war nicht
mehr zu ignorieren. Unter dem Druck der Straße und der Parteibasis mußten
Honecker und die für Wirtschaft und Medien zuständigen ZK-Sekretäre Günter
Mittag und Joachim Hermann gehen. In der vorzeitig einberufenen 9. ZK-Tagung
wurde Krenz zum Nachfolger in den Funktionen eines SED-Generalsekretärs,
Vorsitzender des Staatsrates und des Nationalen Sicherheitsrates, bestellt.3
Übergangsphase
Mit dem Führungswechsel war die erste Welle der „Oktoberrevolution 1989“ ver-
ebbt. Der neue Mann an der Spitze der Partei war jedoch der Mann des Appara-
tes mit den gleichen Vollmachten wie sein Vorgänger. Er sah seine Aufgabe darin,
die verlorengegangene politische Initiative zurückzugewinnen und die Kontrolle
über die Gesellschaft wieder herzustellen. Er kündigte zwar ein Demokratisie-
rungsprogramm an, beharrte aber auf dem Führungsanspruch der SED, den er als
Verfassungsauftrag definierte. Diese Ziele standen im Widerspruch zu dem, was
die Massen wollten. Das Volk wollte die obrigkeitsstaatlichen Strukturen nicht
stabilisieren, sondern durch politische Demokratie überwinden. Folgerichtig kam
es zu weiteren Demonstrationen, in denen die Abschaffung des Machtmonopols
der SED, Reisefreiheit und freie Wahlen gefordert wurden.
Die größte Gefahr für das Regime wurden aber die, die gingen. Mit der Wie-
dereinführung des visafreien Verkehrs am 1.11.1989 in der ČSSR verließen allein
bis zum 7.11.1989 37.000 Bürger die DDR. Der Entwurf eines neuen Reisegeset-
zes – Visumspflicht für jede Ausreise, lange Bearbeitungszeiten, nicht klare Ver-
weigerungsgründe, keine Zahlungsmittel – führte zu weiteren Protesten und be-
schleunigte das Ende der Regierung. Doch nicht einmal der am 7. bzw. 8.11.1989
erfolgte Rücktritt der Regierung und des SED-Politbüros konnte den Exodus stop-
pen.4 Erst die Öffnung der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer am
9.11.19895 bewirkte eine Wendung und erzeugte Vertrauen in die Dauerhaftigkeit
der Veränderung.6
3 Siehe dazu Dok. 62, 65
4 Siehe Dok. 67.
5 Siehe Dok. 68.
6 Dieser Satz wurde am Seitenrand handschriftlich mit einem Fragezeichnen versehen.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99