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9.1.1990: Abschlussbericht Botschafter Wunderbaldinger
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Dok. 105
ist jedoch in Wirklichkeit nicht bereit, Demokratie zu praktizieren. Aufgrund der
Entwicklungen in den letzten Wochen wächst das Mißtrauen in der Bevölkerung,
sowohl gegen die Staatspartei als auch gegen die Regierung und insbesondere ge-
gen die Sicherheitsorgane, die ihren Namen offenbar leichter als ihre Strukturen
wechseln.13 Es wird bereits von einer zweiten Wende, einer Wende rückwärts ge-
sprochen, da die SED derzeit zumindest den Anschein erweckt, nicht bereit zu sein,
Chancengleichheit im Wahlkampf herzustellen, sondern versucht, ihre materielle
Überlegenheit und ihre Vorherrschaft im Staat rücksichtslos auszuspielen.14
Die anderen Parteien glauben, bisher mit veränderten Programmen und neuen
Gesichtern auskommen zu können. Wenn auch ihre Schuld geringer ist, da sie ja
nur am Papier Partner waren, wird diese im Volk doch gewertet. Auf jeden Fall
liegt in dieser Altlast der etablierten Parteien eine Chance für neue Parteien und
Bewegungen. Gerade die angekündigten Wahlen zwingen diese Gruppierungen,
sich organisatorisch und programmatisch zu formieren, damit sie mit einem ge-
wissen Bekanntheitsgrad vor die Wähler treten können.
Innenpolitik
Sie wird im wesentlichen von dem bereits begonnenen Wahlkampf gekennzeich-
net. Da die Opposition bisher keinerlei Möglichkeit einer Mitsprache hatte, an-
dererseits weder die Volkskammer noch die Regierung tatsächlich legitimiert ist,
wurde die Einrichtung des sogenannten „Runden Tisches“ geschaffen.15 Er steht
unter der Leitung der beiden großen christlichen Kirchen und soll sich unter an-
derem mit der Erstellung eines Wahlrechts und einer neuen Verfassung befassen.
Auch wichtige Entscheidungen der Regierung sollen dem Runden Tisch vor In-
krafttreten zur Begutachtung vorgelegt werden. Bei den letzten Sitzungen kam
es jedoch wegen unzähliger Verfahrensfragen kaum zur Behandlung von Sach-
fragen. Das Auftreten von gewalttätigen jugendlichen Gruppen und Neonazis
hat die SED mit einer großen Demonstration in Berlin massiv genutzt, um ihre
Existenzberechtigung zu untermauern und am Runden Tisch mehr Einfluß zu
gewinnen als ihr zusteht.
Deutsche Frage
Die Arbeiten werden auch durch die Frage der Existenzberechtigung der DDR im-
mer wieder verzögert, wobei die Staatlichkeit der DDR und die Vertagung natio-
naler Fragen auch Legitimation aus den ehemaligen Blockparteien und der Intel-
lektuellen der Oppositionsbewegung erhalten. Darüber hinaus hat das Festhalten
an der Eigenstaatlichkeit auch realpolitische Motive. Die zögernde Haltung der
Alliierten, das weitere Schicksal der Perestroika, aber auch, daß die liberale Er-
13 Das Ministerium für Staatssicherheit war am 18. November auf Beschluss der Volkskammer
in Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) umbenannt worden. Seither erfolgten Gebäudebeset-
zungen und seitens der Opposition wurde auf die Auflösung des AfNS hingearbeitet, die am
14. Dezember erfolgte.
14 Dieser Satz wurde im BMAA am Seitenrand handschriftlich markiert.
15 Siehe Dok. 94. Diese Unterstreichung wurde bereits durch Wunderbaldinger vorgenommen.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99