Page - 462 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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10.1.1990: Bericht Botschafter Grubmayr
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Dok. 106
2) Das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen ist laut Bondarenko nur ein Be-
standteil des gesamteuropäischen Prozesses. Die Öffnung der Grenzen zwischen
den beiden Deutschlands sei nur für die menschlichen Kontakte gedacht. Was
jetzt aber vor sich geht, könne nur als grobe Einmischung westdeutscher Kreise
in die inneren Angelegenheiten der DDR bezeichnet werden. Diese beziehe sich
vor allem auf die Teilnahme westdeutscher Politiker – mein Mitredner nannte
hierbei Dregger,4 den Fraktionschef der CDU im Bonner Bundestag
– im ostdeut-
schen Wahlkampf.
Ein gefährlicher Aspekt der jetzigen Entwicklung sei auch ein Wiedererwa-
chen des Rechtsextremismus in der DDR. Auf meine Zwischenfrage, wie er sich
erklärt, wie nach 40 Jahren eines sozialistischen Regimes plötzlich wieder rechts-
radikale Tendenzen in der DDR auftauchen, meinte er die Ursachen seien vielfäl-
tig: einerseits könne man von einer „gewissen Unzufriedenheit“ der Bevölkerung
bei Betrachtung der schon weiter vorangegangenen Demokratisierung in anderen
osteuropäischen Ländern sprechen, die eine Tendenz nach rechts mit sich bringe,
andererseits habe sich wahrscheinlich bei vielen „von den Eltern her“ ein gewis-
ser Nationalismus erhalten, der sich jetzt mit Einsetzen der Glasnost wieder Bahn
breche, aber die Hauptursache sei wohl der seit vielen Jahren freie Zugang der
DDR-Bürger zu westlichen Medien: die westliche, vor allem westdeutsche, Pro-
paganda habe natürlich einen sehr wesentlichen Anteil an diesen Erscheinungen.
3) Der Umstand, dass mitten in der DDR eine westliche Enklave liege, stelle eben-
falls ein einzigartiges Problem dar, das es sonst in keinem anderen Land gibt.
Gewisse Elemente im Westen haben sich der Möglichkeit, die Westberlin bie-
tet, bedient, um eine dauernde Propaganda gegenüber den Bürgern der DDR zu
entfalten.
4) Dem Selbstbestimmungsrecht der Deutschen stehen die wichtigen Interessen
der europäischen Staaten, darunter der Sowjetunion gegenüber. Man darf nicht
vergessen, dass der Zweite Weltkrieg von Deutschland seinen Ausgang genommen
habe. In Potsdam5 hätten die Alliierten beschlossen, dass alle Maßnahmen zu
treffen sind, damit nie wieder ein Krieg von deutschem Boden aus entfacht werden
könne. Dieses Prinzip müsse auch weiterhin beachtet werden. Er gab praktisch
zu verstehen, dass ein emotionaler Drang zur deutschen Wiedervereinigung dem
Interesse der anderen Mächte untergeordnet werden müsse:
„Die Gespräche zwischen den beiden deutschen Hälften müssen mit dem ge-
samteuropäischen Prozess synchronisiert werden.“
4 Alfred Dregger, Fraktionsvorsitzender der CDU / CSU im Deutschen Bundestag (1982–1991),
siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
5 Die Potsdamer Konferenz fand vom 17. Juli bis 2. August 1945 statt. Siehe auch Dok. 69,
Anm. 6–7.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99