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19.1.1990: Bericht Botschafter Binder und Gesandter Graf Dok. 107
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morgen Mercedes (Lebensstandard wie in der BRD). Besonnenere Stimmen in der
Bevölkerung kommen auf der Straße zu dieser Frage kaum zu Wort. Zum jetzigen
Zeitpunkt kann jedoch noch eingeschätzt19 werden, dass im Falle einer erdrutsch-
artigen Aktualisierung dieser Frage bei einer Abstimmung für Vereinigung jetzt
die Gegenstimmen noch die Mehrheit hätten.
Zur Entwicklung des RGW aus DDR-Sicht wurde mit Depesche 25008 vom
18. Jänner 199020 berichtet. Anzumerken wäre lediglich, dass die DDR sich be-
wusst ist, dass die zur Entwicklung der Wirtschaft notwendigen finanziellen
Mittel und Kooperationen fast ausschließlich aus dem Westen kommen müssen.
Zumindest mittelfristig bleibt jedoch die Abhängigkeit der DDR von den Roh-
stofflieferungen der UdSSR und damit die Bedeutung des RGW bestehen. Die
DDR schätzt auch ein,21 dass aufgrund der Veränderungen in Osteuropa und
in der Sowjetunion Strukturen und Mechanismen des RGW effizienter gestaltet
werden.
Die Botschaft nimmt an, dass der von DDR-Seite angekündigte Entwurf eines
Sichtvermerksabkommens (Erl. Zl. 43.24.01/21–4.2/89 vom 9. Jänner 1990)22 in
der Zwischenzeit der Zentrale übergeben worden ist. Das hiesige Außenministe-
rium geht davon aus, dass in dieser Frage eine Vorgangsweise analog zum Ab-
kommen mit der ČSSR23 gewählt wird: Das heißt, dass bereits am Freitag, dem
26. Jänner 1990, Übereinstimmung über die Aufhebung erzielt wird. Diese vor-
übergehende Aufhebung solle bis zum Inkrafttreten des Sichtvermerksabkom-
mens beibehalten werden.
Ein Investitionsschutzabkommen24 wird von DDR-Seite angesprochen wer-
den. Dieses sollte aus Sicht der Botschaft bis zur Leipziger Messe im März abge-
schlossen werden, damit in Leipzig bereits konkrete Wirtschaftsprojekte fixiert
werden können.
Laut Mitteilung des hiesigen Außenministeriums sei der Vertrag über Herkunfts-
angaben paraphiert worden. (Dies ist der Botschaft nicht bekannt,) Der Vertrag
19 Handschriftlicher Randvermerk: „DDR-Talk“ (siehe auch Anm. 21).
20 Der Bericht konnte nicht aufgefunden werden.
21 Handschriftlicher Randvermerk: „DDR-Talk“ (siehe auch Anm. 19).
22 Handschriftlicher Randvermerk: „please contact Kußbach“ Die Visapflicht wurde ab 1. Fe-
bruar sowohl von Österreich als auch der DDR einseitig aufgehoben. Ein diesbezügliches
Abkommen wurde am 13. Februar 1990 geschlossen und trat mit 1. März 1990 in Kraft.
Abkommen zwischen der Österreichischen Bundesregierung und der Regierung der Deut-
schen Demokratischen Republik über die Aufhebung der Sichtvermerkspflicht, BGBl. Nr. 111/
1990.
23 Nach dem Durchtrennen der technischen Grenzsperren auf tschechoslowakischem Staats-
gebiet durch die beiden Außenminister Mock und Dienstbier am 17. Dezember an einem
Grenzabschnitt zwischen Klein-Haugsdorf und Laa / Thaya wurde von beiden Regierungen im
Dezember zunächst jeweils einseitig (bis 31. Jänner 1990) die Sichtvermerkspflicht ausgesetzt.
Am 18. Jänner 1990 wurde sie durch ein entsprechendes Abkommen, das mit 1. Februar in
Kraft trat, auch formell abgeschafft. Vgl. Außenpolitischer Bericht 1989, S. 11.
24 Siehe dazu Dok. 86, Anm. 27.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99