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26.1.1990: Amtsvermerk Gesandter Sucharipa
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Dok. 111
habe die Kirchen als Moderatoren am „Runden Tisch“ gebeten, in diesem Sinne
mit der Opposition zu sprechen.
Modrow verwies auf angebliche extremistische Tendenzen in der DDR, ins-
besondere in Leipzig (Auftauchen von „Republikanern“, Gefährdung von Men-
schen, die sich offen zur DDR bekennen).
Bis zu den Wahlen seien zahlreiche Gesetze zu verwirklichen: Wahlgesetz, Par-
teiengesetz, Vereinigungsgesetz, Mediengesetz.
1.2 Wirtschaftlich: Nach Einschätzung Modrows müsse DDR mit einer Inflation
rechnen, da die Bevölkerung sowohl die sozialen Errungenschaften behalten als
auch Lohnzuwächse realisieren wolle.
Min. Beil führt aus, daß die DDR-Wirtschaft demokratisiert und internatio-
nalisiert werden solle. Der Staat werde nur noch Rahmenbedingungen aufstellen,
Eingriffe müssten lediglich im Umweltschutzbereich erfolgen. Angestrebt werde
eine Dezentralisierung der Wirtschaft, mit dem Betrieb als entscheidende Einheit
(bei Gleichberechtigung der Eigentumsformen). Die bevorstehende Gewährung
der vollen Gewerbefreiheit schließe die Außenhandelsfreiheit ein. Das neue joint-
venture-Gesetz3 ermögliche auch ausländische Mehrheitsbeteiligungen.
2. Internationale Fragen
2.1 Vereinigung der deutschen Staaten: Modrow betonte unter Hinweis auf die
diesbezüglich verstärkte Stimmung in der DDR, daß eine Vertragsgemeinschaft
mit konföderativen Zügen angestrebt werde; mit Augenmaß („wie von BK Kohl
in Dresden formuliert“) und eingebettet in den europäischen Einigungsprozess.4
2.2 Beziehung DDR – EG: Die DDR hoffe auf den Abschluss eines Abkommens
noch 1990 und wolle dem Binnenmarkt als Mitglied oder assoziiertes Mitglied
angehören.5 Das impliziere eine Neugestaltung des RGW, den man nicht verlassen
wolle, weil 90 % der Rohstoffe aus der UdSSR bezogen und ⅔ des Handels mit ihr
3 Um „ausländische Unternehmensbeteiligungen zu ermöglichen strich die Volkskammer den
in Artikel 12 (1) der DDR-Verfassung [vom 9. April 1968 in der Fassung vom 7. Oktober
1974] formulierten Anspruch, daß Bodenschätze, Bergwerke, Kraftwerke, aber auch Indus-
triebetriebe, Banken und Versicherungen Volkseigentum sein müßten“. Der Ministerrat der
DDR billigte in einer Verordnung vom 25. Januar 1990 „die Gründung und Tätigkeit von Un-
ternehmen mit ausländischer Beteiligung“. Grundsätzlich blieb aber der ausländische Anteil
am Stammkapital der Unternehmen auf 49 % beschränkt. Ein darüberhinausgehender Anteil
war nur in Ausnahmefällen vorgesehen, wenn dies im volkswirtschaftlichen Interesse war
bzw. wenn es um Beteiligungen an Betrieben kleiner oder mittlerer Größe ging. Diese Novelle
wurde im Gesetzblatt der DDR, Teil 1, Nr. 4 vom 30. Januar 1990 kundgemacht. Die Gründung
von Joint Ventures bedurfte der Genehmigung durch das Wirtschaftskomitee. Vgl. dazu Die-
ter Grosser, Das Wagnis der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Politische Zwänge im
Konflikt mit ökonomischen Regeln (= Geschichte der deutschen Einheit 2), Stuttgart 1998,
S. 120.
4 Zum Besuch Kohls in Dresden am 19. und 20. Dezember 1989 siehe Dok. 101–102 und 104.
5 Zum Komplex DDR-EG bereits Dok. 103, und dort auch Anm. 10 sowie Dok. 104, Anm. 7.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99