Page - 481 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Image of the Page - 481 -
Text of the Page - 481 -
26.1.1990: Gespräch Vranitzky – Modrow Dok. 112
481
zwischen der DDR und Österreich seit seinem Treffen mit Bundeskanzler Franz
Vranitzky im November 1989 in Berlin.8 Dies sei über die Grenzen beider Staaten
hinaus von Gewicht für die Überwindung der Spaltung Europas. Er informierte
die Gastgeber über Verlauf und Inhalt der tiefgreifenden gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Reformen in der DDR, über dabei auftretende Probleme und
hob die zusammenhängende Verantwortung der DDR für die europäische Ent-
wicklung hervor. Hans Modrow erläuterte den österreichischen Gesprächspart-
nern die von der DDR angestrebte Vertragsgemeinschaft mit der BRD, die in den
gesamteuropäischen Prozeß eingeordnet sei und berichtete über sein jüngstes
Treffen mit Kanzleramtsminister Seiters9 sowie seinen bevorstehenden Besuch
in Bonn.10 Die DDR stehe zu ihrer Mitverantwortung für die Bewahrung des
Friedens und für die Abrüstung. Sie strebe eine baldige Vereinbarung über eine
Reduzierung der konventionellen Streitkräfte und Rüstungen an und unterstütze
den Vorschlag der UdSSR zur Einberufung eines Gipfeltreffens der KSZE-Teilneh-
merstaaten im Jahre 1990 im Interesse der Festigung der europäischen Sicherheit
und Stabilität sowie einer blockübergreifenden Kooperation auf allen Gebieten.
Bundeskanzler Dr. Vranitzky hob den besonderen Stellenwert des Arbeits-
besuches von Hans Modrow gerade zum jetzigen Zeitpunkt hervor. Er signali-
sierte, daß die österreichische Bundesregierung und die Wirtschaft des Landes in
hohem Maße daran interessiert seien, eigenständig mit der DDR zu kooperieren
und einen konstruktiven Beitrag für die demokratische Umgestaltung zu leisten.
Zugleich habe man Gelegenheit, nach kurzer Zeit Bilanz zu ziehen, was seit dem
Berliner Treffen im November 1989 erreicht worden sei und könne neue Impulse
für die bilaterale Zusammenarbeit auslösen, zumal die umfassenden Reformen
in der DDR günstiger Voraussetzungen für eine beiderseitig vorteilhafte Koope-
ration eröffnen.
Der österreichische Bundeskanzler würdigte die innenpolitischen Entwick-
lungen in der DDR und sprach sich dafür aus, alles zu tun, damit die Prozesse
friedlich und stabil verlaufen. Österreich halte die Partnerschaftsbeziehungen
zu den europäischen Nachbarn, zu denen man im weiteren Sinne auch die DDR
rechne, jetzt für besonders wichtig und stehe zur Unterstützung zur Verfügung,
wenn es gewünscht werde.
Falls sich die Deutschen für eine Vereinigung der beiden Staaten entscheiden
sollten, so müsse man das respektieren. Österreich sei aber an solchen Rahmen-
bedingungen interessiert, die Europa nicht in Gefahr bringen und das bestehende
Gleichgewicht nicht zerstören. Ein zu schneller Ablauf der Ereignisse würde je-
doch ein solches Risiko in sich bergen. Alles müsse unter europäischen Aspekten
beurteilt werden.
8 Vranitzky hatte am 24. November 1989 die DDR besucht. Siehe Dok. 78.
9 Modrow war am 25. Jänner 1990 in Ost-Berlin zu einem Gespräch mit Rudolf Seiters zusam-
mengetroffen. Siehe dazu Dokument 145, in: Deutsche Einheit, S. 707–713.
10 Modrow und Kohl kamen bereits am 3. Februar 1990 in Davos zu einem Gespräch zusammen.
Der Besuch Modrows in Bonn erfolgte am 13./14. Februar 1990. Siehe Dok. 123.
back to the
book Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99