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30.1.1990: Bericht Gesandter Sajdik
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Dok. 114
habe die SED-PDS die klarste Position in Bezug auf eine Eigenstaatlichkeit der
DDR, die Partei werde von der künstlerischen und technischen Intelligenz sowie
einem Teil der Arbeiterklasse6 unterstützt. Gorinowitsch gab zu verstehen, dass
er vor allem die neu gegründete sozialdemokratische Partei der DDR7 als eine be-
deutende polit. Kraft ansehe, die bei den Wahlen mit einem beachtlichen Stim-
menanteil rechnen können. Durch die Wahlen werden sich jedenfalls die Verei-
nigungstendenzen verstärken. Gorinowitsch polemisierte auffälligerweise nicht
gegen eine „Einmischung“ der polit. Parteien der BRD in den DDR-Wahlkampf
und erwähnte mit keinem Wort „neonazistische“ Gefahren,8 die von der BRD aus
unterstützt werden. Eine Prognose über die DDR-Zukunft abzugeben, sei derzeit
schwer, meinte der Gesprächspartner.
3. Sowjet. Haltung zur Idee einer deutsch-deutschen Vertragsgemeinschaft
Laut Gorinowitsch war die SU-Einstellung zur Idee Modrows9 von Anfang an
positiv. Ein Vertragsentwurf der DDR wurde Kanzleramtsminister Seiters bei des-
sen Aufenthalt in Berlin am 25. und 26. d.M. übergeben.10 Die BRD habe aber zu
verstehen gegeben, dass sie es nun trotz der Unterstützung der Idee durch BK Kohl
während seines Besuches in Dresden11 im Dezember v. J. vorziehen würde, bis zu
den Wahlen in der BRD einen derartigen Vertrag nicht abzuschließen. Die SU sehe
das als ein Abgehen der BRD von der Dresdner Vereinbarung an. Diese Frage werde
Thema der Gespräche Modrows in Bonn am 13. und 14.2.12 sein, mög licherweise
wird die BRD auch einen Gegenentwurf zum DDR-Projekt ausarbeiten.
6 Zudem am Seitenrand mit einem handschriftlichen Rufzeichen versehen.
7 Die Sozialdemokratische Partei der DDR (SDP) wurde am 7. Oktober 1989 in Schwante bei
Berlin gegründet. Am 13. Jänner 1990 wurde die Partei in SPD umbenannt und erhielt bei den
Volkskammerwahlen am 18. März 1990 21,76 % der Stimmen. SPD-Ost und ihre Schwester-
partei in der Bundesrepublik schlossen sich am 26./27. September 1990 auf dem Vereinigungs-
parteitag zusammen.
8 Ende 1989 mehrten sich die Diskussionen innerhalb der DDR zum Thema Rechtsradika-
lismus. Als Ende Dezember antisowjetische Parolen auf das sowjetische Ehrendenkmal in
Berlin-Treptow geschmiert wurden, rief die SED-PDS gemeinsam mit der Gesellschaft für
deutsch-sowjetische Freundschaft zu einer Demonstration am 3. Jänner 1990 auf, um ein
Zeichen gegen den steigenden Rechtsradikalismus zu setzen.
9 Hans Modrow hatte in seiner Regierungserklärung vom 17. November 1989 eine „Vertrags-
gemeinschaft“ zwischen den beiden deutschen Staaten angedacht. Siehe dazu bereits Dok. 77,
Anm. 4 und Dok. 78, Anm. 9.
10 Gespräch des Bundesministers Seiters mit Ministerpräsident Modrow Berlin (Ost), 25. Ja-
nuar 1990 (= Dokument Nr. 145), in: Deutsche Einheit, S. 707–713; Entwurf der Regierung
der DDR – Vertrag über Zusammenarbeit und gute Nachbarschaft zwischen der Deutschen
Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland (= Dokument Nr. 145A), in:
Deutsche Einheit, S. 713–716.
11 Kohl besuchte die DDR vom 19. bis 20. Dezember 1989. Siehe Dok. 101–102. Im Rahmen
seiner Rede vor der Ruine der Frauenkirche in Dresden am 19. Dezember 1989 hatte Kohl den
Abschluss eines Vertrages über die Vertragsgemeinschaft zwischen der Bundesrepublik und
der DDR für Frühjahr 1990 in Aussicht gestellt.
12 Der Besuch Modrows in Bonn erfolgte am 13./14. Februar 1990. Siehe Dok. 123
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99