Page - 490 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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2.2.1990: Bericht Botschafter Binder
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Dok. 115
Europa getragen. Die DDR habe zur Kenntnis genommen, dass die Ängste vor der
Gefahr unkontrollierbarer Entwicklungen zugenommen haben. Es scheine daher
geboten, einen fest geregelten Rahmen vorzuschlagen, um den Prozess in Rich-
tung Einheit zu regeln. Herr Modrow ging davon aus, dass dieser Rahmen weitere
Möglichkeiten zur aus […].5 Er solle zur Stabilität führen und den Raum öffnen
für weitere Schritte. Herr Modrow unterstrich weiter die Notwendigkeit, verant-
wortungsbewusst weiter vorzugehen und die nationalen und internationalen Ver-
träge zu beachten. Das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen müsse im Verlauf
des gesamten Prozesses gesichert sein. Ein einfacher Anschluss der DDR an die
Bundesrepublik käme nicht in Frage, sondern es solle eine Vertragsgemeinschaft
beider deutscher Staaten sein, ob es sich nun um einen Bundesstaat oder eine Fö-
deration handelt. Auf jeden Fall sei die deutsche Einheit mit einem gesamteuropä-
ischen Prozess gekoppelt, eingebettet in eine europäische Friedensordnung. Auf
keinen Fall dürfe die deutsche Einheit ein Hemmnis für den europäischen Eini-
gungsprozess darstellen, sondern solle vielmehr einen Stimulator bilden.
Der Vorschlag Herrn Modrows solle sowohl die Interessen der vier Sieger-
mächte als auch der Nachbarstaaten wahren. Es sollten Garantien dafür geschaf-
fen werden, dass für die Nachbarstaaten keine Gefahren welcher Art auch immer
entstehen. Ein wesentliches Element sei ein Friedensvertrag und die Sicherheit der
Grenzen. Der Vereinigungsprozess müsse die Interessen anderer Länder bzw. an-
derer Gruppen berücksichtigen. Die Beseitigung der Blöcke könnte einen starken
Impuls für eine erhöhte Sicherheit in Europa auslösen. Der Vorschlag des Minis-
terpräsidenten gebe Antwort auf die Frage, wie sich die DDR in dieser besonderen
Lage die Lösung des Problems vorstelle. Herr Krolikowski sagte abschließend,
dass Herr Modrow sich in Davos sowohl mit Bundeskanzler Kohl als auch mit
dem Herrn Bundeskanzler treffen und bei dieser Gelegenheit zweifellos auch Vor-
stehendes besprechen werde.6
Herr Krolikowski ging von sich aus nicht auf das Problem der Neutralität bzw.
Neutralisierung Deutschlands ein. Erst auf eine diesbezügliche Frage sagte er,
es sei selbstverständlich, dass das Zusammenwachsen beider deutscher Staaten
Hand in Hand mit einer Verminderung der Spannung gehe. Im weiteren Verlauf
könne es auch zu einer Neutralisierung kommen.7
Binder
5 Text im Original aufgrund eines Übermittlungsfehlers unleserlich (Zahlen- und Zeichen-
abfolge).
6 Am 3. Februar trafen Ministerpräsident Modrow und Bundeskanzler Kohl auf dem Welt-
wirtschaftsforum in Davos zu einem vertraulichen Vier-Augen-Gespräch zusammen. Neben
Erörterungen der wirtschaftlichen Lage und Perspektive, diskutierten Modrow und Kohl
zum ersten Mal eine deutsch-deutsche Währungsunion, zu der Modrow festhielt, „die DM als
Alleinwährung sei eine Lösung“. Zum Inhalt der Unterredung, vgl. Gespräch des Bundeskanz-
lers Kohl mit Ministerpräsident Modrow, Davos, 3. Februar 1990 (=
Dokument 158), in: Deut-
sche Einheit, S. 753–756. Über Gespräche mit Vranitzky ist bisher nichts bekannt geworden.
7 Unterstreichung sowie handschriftliche Markierung des Absatzes erfolgten im BMAA.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99