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6.2.1990: Bericht Gesandter Loibl Dok. 118
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Dok. 118: Bericht. Vertragsgemeinschaft BRD-DDR, 6.2.1990
Gesandter Wolfgang Loibl an BMAA, Bonn, 6. Februar 1990, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1990, GZ. 22.17.01/21-II.1/901
BRD; deutsche Frage, Vertragsgemeinschaft usw. (Info)
Vertraulich
Idee „Vertragsgemeinschaft“ löst sich lt. BKA-Vertreter zunehmend auf. Ursprüng-
liche Überlegung war Rahmenvertrag,2 dessen Präambel deutschlandpolitische
Zielsetzung verdeutlichen und der gemeinsame Kommissionen für verschiedenste
Bereiche (Wirtschafts- und Währungsunion, Verkehr, Umwelt, Angleichung der
Rechts- und Sozialsysteme usw.) festlegen würde.
DDR-Vertragsentwürfe3 zielten jedoch auf Festschreibung einer Konfödera-
tion (d. h. DDR-Eigenstaatlichkeit, nicht aber deutsche Einheit) sowie Gestaltung
eines organischen Annäherungsprozesses durch vertragliche Institutionen. BRD
hingegen wollte Vertragsinstrument zur Erzielung deutscher Einheit über kon-
föderativen Strukturen nutzen (im Gegensatz dazu hatte ein Entwurf des inner-
deutschen Ministeriums auf Konföderation mit gemeinsamen Organen vorgese-
hen [sic!] und war deshalb im federführenden BKA „untergegangen“). Angesichts
unvereinbarer Zielsetzungen war stattdessen für Modrow-Besuch4 zunächst an
Einrichtung gemeinsamer Kommission ohne Vertrag gedacht worden. Heute will
BKA überhaupt nur mehr gemeinsame Erklärung oder Presseerklärung mit all-
gemeinen Feststellungen hinsichtlich deutscher Einheit und einiger Konkreti-
sierung von Wirtschafts- und Währungsunion (jedoch nicht als „Plan“ – wegen
der Verbündeten).
Vertragsgemeinschaft also nicht mehr aktuell und wird von BRD über DDR-
Wahlen5 hinausgeschoben, da tatsächliche Entwicklung in Richtung „Vereini-
gung in den Grenzen von 1989“ (d. h. DDR und BRD) ginge. Danach könnte mit
1 Der Bericht wurde in Entsprechung des Erlasses Zl. 22.17.01/6-II/90 vom 19. Jänner 1990 (in
dem der Leiter der Abteilung II.3 Gesandter Ernst Sucharipa die österreichischen Botschaften
in Bonn und Berlin ersucht hatte „zu den Vorstellungen des Empfangsstaates über die Aus-
gestaltung der ‚Vertragsgemeinschaft‘ zwischen den beiden deutschen Staaten zu berichten“)
erstattet und erging als Fernschreiben Nr. 25027 an das BMAA. Er war für das Kabinett des
Bundesministers, das Generalsekretariat und die Sektion II bestimmt. Dort wurde der Bericht
von Abteilung II.1 in Bearbeitung genommen. Abteilungsleiter Gesandter Johann Plattner
veranlasste am 7. Februar die Depeschenweiterleitung an die österreichische Botschaft Berlin.
Legationsrat Marius Calligaris zeichnete den Bericht ebenfalls am 7. Februar ab und verteilte
eine Kopie an die Abteilung II.3.
2 Zu Kohls Zehn-Punkte-Plan und Kohls Besuch in Dresden siehe Dok. 80 und 101–102.
3 Siehe dazu Dok. 115–116.
4 Der Besuch Modrows in Bonn erfolgte am 13./14. Februar 1990. Siehe Dok. 123
5 Der zunächst beabsichtigte Wahltermin für die Volkskammerwahlen am 6. Mai 1990 wurde
schließlich auf 18. März 1990 vorverlegt.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99