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6.2.1990: Bericht Gesandter Loibl
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Dok. 118
einer hoffentlich zusammenarbeitswilligen DDR-Regierung gemeinsamer Len-
kungsausschuss lt. 10 Punkte-Programm6 gebildet werden, mit Unterausschüs-
sen für die verschiedenen Fachbereiche. Auch Parlamente sollten gemeinsame
Gremien bilden. Weiteres Ziel wären dann gesamtdeutsche Wahlen und gesamt-
deutsche Verfassung.
Vorstellungen würden jedoch durch tatsächliche Entwicklung immer wieder
überholt: im Jänner 1990 kamen 74.000 DDR-Übersiedler (zum Vergleich – 1961
bis 1988: 600.000, 1989: 340.000!). Der DDR drohe Zusammenbruch, während
sich in BRD Stimmung gegen Übersiedler wende (Arbeitsplatz- und Wohnraum-
konkurrenz).
Einige Berater im BKA drängen deshalb auf Zeitplan für deutsche Einheit,
der DDR-Bewohner durch Eröffnung konkreter Perspektive zum Bleiben in ihrer
Heimat veranlassen soll: denn für DDR-Bevölkerung bedeute schneller Wohl-
stand schnelle Wiedervereinigung, und Modrows „Destabilisierungspolitik“
durch Verzögerungstaktik mit halbherzigen Reformen anstelle klarer Signale für
Marktwirtschaft usw. habe diese Einstellung verstärkt. Da aber notwendige Wirt-
schaftsreform, Wirtschafts- und Währungsunion usw. Wohlstand nicht rasch
genug bringen könnten (neue Regierung würde sich erst bilden und einarbeiten
müssen, „alte Kader“ würden Widerstand leisten), müsse DDR-Bevölkerung un-
terdessen durch Aussicht auf Vereinigung hingehalten werden.
Nach diesen Vorstellungen sollte BK7 deshalb demnächst Zeitpunkt für ge-
samtdeutsche Wahlen (etwa zwischen 1991 und 1994) vorlegen.8 Andernfalls
bestünde sogar Gefahr, dass „andere“ (KSZE-Gipfel!) eigene Vorstellungen ent-
wickelten und Bonn dabei „an den Katzentisch“ verbannt würde. BK zögere je-
doch aus Rücksicht auf westliche Verbündete (und Kohl hatte stets betont, seine
10 Punkte seien kein Zeitplan) und Gesprächspartner glaubt daher selbst nicht an
Präzisierung der 10 Punkte bei oder nach Modrows Bonn-Besuch.9
DDR-Wahlen bestimmten aber auch Kohls politisches Schicksal: „Perspek-
tive“ (Zeitplan) könnte DDR-Opposition ein an- und erfolgsversprechendes Wahl-
thema geben, das sie von SED (PDS) und SPD abhebe. Und selbst wenn SED
darauf „aufspringen“ würde, wäre damit Einheit theoretisch besiegelt. Sollte nach
18. März eine DDR-Regierung zustande kommen, die für Einheit eintritt, ergä-
ben sich damit „Perspektive“ für DDR-Bürger, verbesserte Bundestags-Wahlchan-
cen des BK (Stopp der Übersiedlungswelle und Bonus als „Einer Deutschlands“),
andernfalls würden ihm fortlaufende Übersiedlerzahl (siehe Kritik des SPD-
Kanzlerkandidaten Lafontaine)10 und Verspielen der deutschen Einheit vorge-
worfen werden.
6 Siehe Dok. 80.
7 Bundeskanzler Helmut Kohl.
8 Die gesamtdeutschen Bundestagswahlen fanden bereits am 2. Dezember 1990 statt.
9 Siehe Anm. 4.
10 Oskar Lafontaine trat dafür ein, dass DDR-Übersiedler zunächst vor ihrem Umzug in die
Bundesrepublik sowohl eine Wohnung als auch einen Arbeitsplatz vorzuweisen hätten.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99