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8.2.1990: Bericht Botschafter Hoess Dok. 119
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4. AM Baker habe sich von der Argumentation, die im Wesentlichen auf den
Ideen der Tutzinger Rede AM Genschers12 beruht habe, beeindruckt ge-
zeigt und zugesagt, bei seinen Moskauer Gesprächen13 in diese Richtung zu
argumentieren.14
5. Es besteht der Eindruck, dass manche Mitarbeiter der Administration mit
Schwierigkeiten der NATO-Mitgliedschaft eines künftigen Deutschland selbst
mit der oz. Einschränkung rechnen. Daher fällt auf, dass einige von ihnen Aus-
drücke wie „ties“, „remain aligned“, etc. gebrauchen. Wenn dies auch nicht der
Ausdruck einer neuen Politik ist, so deuten solche Wendungen doch auf eine
gewisse Unsicherheit über künftig mögliche Entwicklungen hin.
Hoess
12 Am 31. Januar 1990 hielt Genscher an der Evangelischen Akademie in Tutzing eine Rede, in
der er sich vor allem zu Fragen der Sicherheitsinteressen der Sowjetunion und einer zukünf-
tigen Bündniszugehörigkeit Deutschlands äußerte. Genscher erklärte, dass die Zugehörigkeit
eines geeinten Deutschland zur EG und zur NATO nicht in Frage steht. Er betonte aber auch,
dass die Einbeziehung des Gebietes der DDR in die militärischen Strukturen der NATO die
deutsch-deutsche Annäherung blockieren würde. Genscher vertrat die Ansicht, dass Ost-
deutschland nicht in die militärische Struktur der NATO einbezogen werden dürfe. Siehe zu
dieser „Österreichlösung“ für die DDR bereits Dok. 116, Anm. 6.
13 Siehe Anm. 8.
14 Dies tat Baker auch. Baker reiste nach dem Gespräch mit Genscher nach Moskau wo er am
9./10. Februar 1990 mit Schewardnadse und Gorbatschow zusammentraf. Vgl. Gespräch
Gorbačevs mit dem amerikanischen Außenminister, Baker, am 9. Februar 1990 [Auszug]
(=
Dokument 71), in: Michail Gorbatschow und die deutsche Frage, S. 310–316. Die Gespräche
drehten sich zentral um den 2+4-Prozess und die Frage der zukünftigen Bündniszugehörig-
keit eines vereinigten Deutschlands. Zwar sah die Sowjetunion laut Gorbatschow die deut-
sche Einheit als „unabwendbar“ an, jedoch mussten sowjetische Sicherheitsinteressen gewahrt
bleiben. Die von Baker vorgeschlagenen 2+4-Gespräche über die äußeren Aspekte der Einheit
bezeichnete Gorbatschow als „gangbar“. Baker verwies auf eine Einbindung Deutschlands in
die NATO „with assurances that NATO’s jurisdiction would not shift one inch eastward from
its present position“. Bezüglich des Status Deutschlands stellte Gorbatschow klar, dass jedwede
Ausdehnung der NATO inakzeptabel für die Sowjetunion sei. Zu einer Verschriftlichung kam
es nicht, wodurch die Auslegung der Frage der „Ostausdehnung“ der NATO bis heute Inter-
pretationsspielraum zulässt. Baker hinterließ Kohl aber für dessen bevorstehenden Besuch in
Moskau am 10./11. Februar eine Nachricht in der er über seine Gespräche informierte. Für
den Bericht Bakers über seine Unterredungen in Moskau an Bundeskanzler Kohl, vgl. Schrei-
ben des Außenministers Baker an Bundeskanzler Kohl, 10. Februar 1990 (= Dokument 173),
in: Deutsche Einheit, S. 793–794. Dementsprechend ließ sich Kohl eine etwas ältere Nachricht
Bushs ignorierend gegenüber Gorbatschow vernehmen. Zur Abfolge der NATO-Äußerungen
Genschers, Bakers und Kohls sowie zur Haltung Bushs, der Kohl wieder auf seine Linie ver-
pflichtete, siehe: Sarotte, 1989, S. 110–115.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99